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Natural Leadership: Was heisst eigentlich Führen?

Was heisst eigentlich Führen?
Magazin Piaffe 2/2017

Egal in welcher reiterlichen Disziplin man sich bewegt, eines gehört immer dazu: Pferde führen. Aus der Box, auf den Reitplatz, zur Koppel, in den Transporter – am Strick, am Zügel, an der Longe, es wird geführt, was das Zeug hält. Laut Definition ist Führen ein steuerndes und richtungsweisendes Einwirken. Mal klappt es besser, mal schlechter, manchmal übernimmt auch das Pferd die Führung oder es führt einen sogar vor.

Regeln, Lehren oder Theorien gibt es viele. Ob man neben dem Pferd geht oder besser voraus, ob auf Höhe der Schulter oder nur von links, weil es die Pferde seit Kavallerie-Zeiten so gewohnt sind – eine gewisse Führungskompetenz ist dabei immer gefragt. Oder andersherum gesagt: wer diese gewisse Führungskompetenz besitzt, kann ein Pferd von jeder Seite und in jeder Position führen.

Doch Führen heißt nicht nur, mit dem Pferd den Weg von A nach B zurückzulegen. Auch bei der Bodenarbeit wird über alle möglichen Hindernisse geführt. Im übertragenen Sinne führt man auch am Langen Zügel, nämlich aus dem Hintergrund und auch beim Reiten übernimmt man die Führung von oben, über die Einwirkung der reiterlichen Hilfen. Das könnte man nun natürlich mit Kraft versuchen, mit Muskelkraft, genauer gesagt. Mit Ziehen, Schieben, Drücken, bekommt man ein Pferd möglicherweise früher oder später dorthin, wo man es haben möchte. Mancher versucht es auch mit Getöse und Gebrüll oder mit Locken und Leckereien. Doch wenn das Pferd nicht will, dann ist mit alldem nichts zu machen.

Im Natural Horsemanship wird dem Führen große Bedeutung beigemessen und es gibt jede Menge Übungen dazu. Die exakte Position und die richtige Körpersprache kann man lernen; der korrekte Abstand zum Pferd, Augenkontakt oder nicht und die Handhabung des Führseiles sind oftmals nichts anderes als Glaubensbekenntnisse der Lehre oder des Trainers, dem man folgt. Doch die richtig Guten können es so oder so – egal welcher Lehre sie folgen. Und zur allgemeinen Verwirrung ist genau das No-Go des einen, manchmal der Geheimtipp des anderen. Und die Pferde? Denen ist es ziemlich egal, welchem Guru man folgt oder welches Label auf dem Equipment steht.

Natürlich sind all die Erkenntnisse, auf denen die unterschiedlichen Trainingsmethoden basieren, wichtig und hilfreich. Doch der kleinste gemeinsame Nenner ist simpel: es geht um Vertrauen. Wir Menschen lernen es als Kind an der Hand unserer Eltern, so geführt entdecken wir die Welt. Später haben wir hoffentlich einen Lehrer, Ausbilder oder Chef, der uns anleitet Herausforderungen anzunehmen und Niederlagen zu überwinden. Ebenso das Pferd: vertraut es seiner Führungsperson, dann wird es folgen. Pferde sind Herdentiere, sie schließen sich gerne demjenigen an, der ihnen Sicherheit bietet. Pferde sind aber auch Fluchttiere und permanent dabei, alle Signale aus der Umgebung aufzunehmen und auf mögliche Informationen und Gefahren hin zu überprüfen. Sobald sie ihre Sicherheit bedroht sehen, sind sie auf und davon. Bildlich gesprochen, indem sie abhauen und durchgehen – oder auch nur sinnbildlich, wenn sie abschalten und wie angewurzelt stehenbleiben.

Derjenige, dem andere freiwillig folgen, hat Führungskompetenz. Eine ausführliche Definition von Führung sagt, dass man versucht, ein anderes Lebewesen zur Erfüllung gemeinsamer Aufgaben und zur Erreichung gemeinsamer Ziele zu veranlassen und zwar mit sozialer Einflussnahme. Das gelingt jedoch nicht mit antrainierten Posen und teurem Equipment. Grundelemente dafür sind Vertrauen und Sicherheit. Genauso wie in unserem zwischenmenschlichen privaten oder beruflichen Umfeld, sind auch für Pferde diejenigen Führungspersönlichkeiten, denen man sich gerne anschließt. Man vertraut und fühlt sich sicher. Solche Menschen sind oft charismatisch, aber sie sind auch immer authentisch. Wenn Sie auf Ihrem Berufsweg einen solchen Chef hatten, dann können sie sich glücklich schätzen. Vielleicht ist er ein Vorbild für etwas, was man auf keiner Universität oder Elite-Hochschule lernt.

Und genauso ist es mit dem Pferd. Wenn es Ihnen vertraut, dann können Sie es leicht führen, in bekannter Umgebung genauso wie in unwegsamen Gelände. Üblicherweise führt man von der Seite. Manche gehen eher voraus, damit das Pferd sich orientieren und folgen kann. Andere gehen neben dem Kopf, um besser einwirken zu können oder bei drängelnden Pferden auch ein wenig dahinter, um das Pferd zu zügeln. Neben der Schulter, in der Position eines Fohlens zu laufen, erscheint mir ebenso wenig sinnvoll, wie vorauszugehen und das Pferd hinter sich herzuzerren. Vielmehr kommt es auf die Situation und die Umgebung an, welche Führposition korrekt ist. Nebeneinander mit durchhängendem Strick beim Spaziergang ist genauso richtig, wie kurz gehalten entlang einer Straße. Ebenso hängt es vom Pferd ab, ob es flott oder träge ist und wieviel persönlichen Raum es für sich braucht. Doch grundlegend ist die Intention des Führenden: Richtung und Weg klar anvisiert, das Ziel im Fokus und dazu präzise Signale – aufmerksam und nicht achtlos. Vertrauenswürdig müssen Sie sein, damit sich das Pferd bei Ihnen sicher fühlt: klar in der Kommunikation, entspannt und wohlgesonnen. Denn jede Verbindung ist filigran. Zwang, Gewalt oder Einschüchterung zerstören sie sofort und um das Vertrauen dann wieder zu erneuern, braucht es weit mehr Zeit und Energie.

In der Arbeit mit Pferden entwickelt man nicht nur seine reiterlichen Fähigkeiten, sondern auch seine Persönlichkeit. Wenn sie die Escola de Equitação verfolgen, dann haben Sie diesen Satz oft gelesen: „Reiten ist eine Lebensschule“. Das Pferd ist dabei der Lehrer - es ist viel mehr als ein Spiegel, wie so oft gesagt wird, denn es spiegelt nicht nur etwas zurück, sondern bietet immer einen weiteren Entwicklungsschritt an.

Natural Leadership zum Ausprobieren

Schauen Sie doch mal genauer hin, wie Sie Ihr Pferd führen:

  • Führen Sie Ihr Pferd zum Ausprobieren aus unterschiedlichen Positionen. Gehen Sie voraus, daneben, dahinter und beobachten Sie, ob und wie sich die Situation verändert. Klappt es aus jeder Position gleich gut, wo ist es leichter, wo ist es schwieriger?
    Worin genau die Unterschiede liegen, lesen Sie im nächsten Teil der Serie.
  • Führen Sie sehr eng und beobachten Sie, wie Ihr Pferd mit dem Körper ausbalancieren muss, wenn es Kopf und Hals nur minimal bewegen kann.
  • Führen Sie zum Vergleich am langen Strick. Welche Distanz wählt das Pferd, wenn es viel Freiraum hat? Können Sie auch über diese Distanz hin die Führung behalten?
  • Wenn Sie im beruflichen, privaten oder familiären Umfeld die Führung übernehmen, achten Sie doch mal speziell darauf, welche Rolle Vertrauen und Sicherheit spielen …

Wir können viel von Pferden lernen – nehmen wir die Herausforderung an.

Fluchttiere

Mit Monty Roberts, dem Pferdeflüsterer, bei einem Jugendprojekt für pferdeunterstütztes psychosoziales Lernen Pferde sind Fluchttiere, das ist mittlerweile weitestgehend bekannt. Als Fluchttier wird ein Tier bezeichnet, das beim ersten Anzeichen von Gefahr die Flucht ergreift. Es sind höchst aufmerksame Tiere, die ständig ihre Umgebung nach Gefahren absuchen. Eigentlich sind sie Pflanzenfresser, die Beute für Raubtiere und nicht geboren zu kämpfen. Entdecken sie eine potentielle Gefahr, treten sie sofort die Flucht an, anstatt zum Angriff überzugehen. Fluchttiere sind beispielsweise Antilopen, Hasen oder eben Pferde. Der Mensch hingegen gilt als Raubtier, aber so ganz verallgemeinern lässt sich das nicht. Unter den Menschen gibt es ebenfalls Fluchttiere. Ein jeder von uns kennt Situationen, in denen man lieber die Flucht ergreift, anstatt zu kämpfen. Schon im normalen Alltag gibt es immer wieder Fluchtszenarien wie Ausflüchte und Ausweichstrategien. Wir sind nicht immer auf der Jagd, wir haben auch eine Fluchtkultur und wenn es langweilig oder zu anstrengend wird, flüchten wir gern mal in den Konsum von Schokolade oder ins Fernsehprogramm. Monty Roberts hat noch mehr Beispiele. Er sagt: das Fluchttier Pferd bittet darum, nicht angegriffen zu werden und Mitglied im Herdenverband bleiben zu dürfen. Gerade Kinder und Frauen verhalten sich oftmals genauso wie Fluchttiere. Sie schrecken zurück, wenn sie körperlich oder verbal angegriffen werden und laufen weg. Häufen sich solche Angriffe, werden diese negativen Erfahrungen das psychische Gepäck, das ein Mensch mit sich herumschleppt. Wenn einem Kind dauerhaft die Möglichkeit verwehrt bleibt, Zuversicht und Vertrauen zu Erwachsenen aufzubauen, staut sich der Groll auf und wird sich irgendwann entladen, in ähnlicher Form wie es ihm die Erwachsenen vorgelebt haben. Auch später als Teenager und junge Erwachsene sind diese Kinder dann meist noch immer nicht in der Lage zielgerichtet zu kommunizieren und über ihre Probleme und Bedürfnisse zu sprechen. Von frühester Kindheit an wurden solche Verhaltensmuster geprägt. Wut und Enttäuschung sind noch immer zu spüren, wenn Monty Roberts von seiner eigenen Kindheit spricht. Er erzählt, wie sein kindlicher Enthusiasmus und seine Zuversicht vom Vater mit Schlägen und Misshandlungen quittiert wurden. Die 72 gebrochenen Knochen, bevor er 12 Jahre alt war, resultierten nicht von Stürzen vom Pferd, auch wenn es gegenüber den Ärzten so dargestellt wurde. Vor der Gewalt und Zurückweisung der Erwachsenen flüchtet das Kind Monty damals in die Gesellschaft der Pferde. Ich habe viele ähnliche Geschichten gehört, nicht nur von Kindern. Auch Erwachsene bevorzugen die Gesellschaft von Tieren, wenn sie von Menschen enttäuscht wurden. Tiere wiederum suchen von Natur aus nach Zufriedenheit und Wohlgefühl und besonders Pferde finden das im Zusammensein mit Artgenossen oder auch Menschen. Tiere haben keine Vorurteile, aber sie fordern alles von uns: Körper und Geist, Verstand und Seele. Vor vielen Jahren habe ich eine Veranstaltung organisiert, bei der Monty Roberts nicht Problempferde sondern Problemkinder trifft: geistig oder körperlich Behinderte, Waisen, Hyperaktive, Schwererziehbare. Es war faszinierend zu sehen, wie er ihnen begegnet, welches Leuchten er in ihre Augen zaubert und mit welcher Intuition er gerade das Mädchen auswählt mit dem Pferd in den Roundpen zu gehen, das an diesem Nachmittag seine größte Angst überwindet. Seitdem bin ich fasziniert von der Arbeit mit Menschen und Pferden. Während seiner Tour durch Österreich im April 2011 kann ich Monty Roberts für ein weiteres Projekt interessieren. In Innsbruck besuchen wir einen Pferdehof, wo Jugendliche mit Pferden arbeiten. Diese Teenager sind die schwierigsten Fälle der Tiroler Jugendwohlfahrt, die Aufgrund ihrer Problemfülle besonderer und individueller Betreuung bedürfen. Manche haben soziale Defizite, Drogenprobleme, sind orientierungslos oder drohen in die Kriminalität abzurutschen. Von den Pferden lernen sie, sich auf vertrauensvolle Beziehungen einzulassen, Verantwortung zu übernehmen und Strukturen zu akzeptieren. Diese Arbeit beruht auf erlebnis- und lösungsorientierten Ansätzen. Die Diplom Lebens- und Sozialberaterin Carina Prantl arbeitet in Kooperation mit der Sozialeinrichtung „Das Netz“ nach dem EAGALA Modell, das Monty auch in USA unterstützt. Das Tiroler Projekt wurde 2010 mit dem dritten Preis im Rahmen der Konferenz „Tiere als Therapie“ (TAT) ausgezeichnet. Als ich morgens auf den Pferdehof komme, ist alles bestens vorbereitet. Die Pferde sind geputzt, Stühle aufgestellt und es ist wunderschönes Frühlingswetter. Monty Roberts steigt aus dem Auto, wie man ihn von Fotos kennt: blaues Hemd, rotes Halstuch, braune Jeans und die englische Schirmmütze. Jeden einzelnen begrüßt er persönlich und gibt ihm die Hand, jedem Jugendlichen, jedem Betreuer. Eine Begrüßung ist kein großer Aufwand sagt er, aber sie zeigt dem anderen, dass er dir wichtig ist. Als erstes möchte er dann von den Jugendlichen wissen, was sie über ihn wissen. Nicht um sich wichtig zu machen oder als VIP zu gelten, sondern das genaue Gegenteil: um ihnen zu sagen, dass er ein ganz normaler Mensch ist, wie sie selbst. Er stellt sich auf dieselbe Stufe, er ist nicht der Pferdeflüsterer aus dem Film und stellt gleich mal klar, dass er sich von dem Film distanziert, wegen der Gewalt gegenüber dem Pferd, die dort gezeigt wird. Das Thema Gewalt wird auch der rote Faden sein, der sich durch die Gespräche zieht. Er erzählt aus seiner Kindheit, von der Gewalt, die ihm sein Vater angetan hat, von verlorenem Vertrauen in den Vater und ebenso in die Ärzte und Lehrer, die ohne weiteres immer glauben wollten, dass seine Verletzungen von Stürzen vom Pferd herrühren würden und nicht von Schlägen und Misshandlungen. Drogen und Alkohol werden meist als Ursachen für die Probleme von Jugendlichen gesehen. Ungefähr 15 Jahre alt waren sie, erzählen die Jugendlichen, als sie zum ersten Mal damit in Berührung kamen. „Und wie alt warst du, als du das erste Mal Gewalt in deinem Leben erfahren hast?“ fragt Monty jeden von ihnen. Fünf oder sechs Jahre alt sagen sie und es herrscht ein kurzer Moment Schweigen. Vier Jahre alt war er selbst sagt Monty und als er dann älter wurde, hat er angefangen American Football zu spielen. Er wollte jeden angreifen der das Trikot mit der anderen Farbe trug, erfahrene Gewalt mit angewandter Gewalt bekämpfen. Er erzählt von seiner Wut, die sich so aufgestaut hat, dass er seinen Vater töten wollte und zieht ein altes Foto aus seiner Brieftasche. Darauf ist Sister Agnes Patricia, seine Lehrerin, die ihm klar gemacht hat, wenn er das täte, dann wäre er genauso wie sein Vater, er würde im Gefängnis landen und gar nichts hätte sich verändert in dieser Welt. Da entschied er sich gegen Gewalt und startete seine Mission, die Welt zu einem besseren Ort zu machen als er sie vorgefunden hat, für Pferde und Menschen. „Wenn ein junger Mann einer alten Dame die Handtasche raubt, wie viele Täter gibt es?“ fragt Monty in die Gesprächsrunde. Einen, ist die gemeinschaftliche Antwort. „Und wie viele Opfer gibt es?“ Zwei Opfer sind es, die alte Dame ist das Opfer eines Handtaschenraubes und der junge Mann ist auch ein Opfer; ein Opfer von Umständen, die ihn zum Dieb gemacht haben. Aber du kannst etwas ändern, sagt er den Jugendlichen, erzähle deine Geschichte, schreib sie auf und mach es besser. Wenn er nur einen jungen Mann davon abhalten kann gewalttätig zu sein, seine Frau oder seine Kinder zu schlagen, dann hat er sein Ziel schon erreicht. Monty spricht mit jedem, direkt, klar aber ohne Einzelheiten. Er will nicht wissen, wer schuld war oder warum etwas passiert ist. Manchmal verpackt er auch die Antwort in eine Frage, weil er es meistens sowieso schon ahnt. Die Sozialarbeiter wundern sich, wie schnell die Jugendlichen Vertrauen fassen und wie offen sie erzählen; manche der Details haben die Betreuer selbst erst nach Wochen oder Monaten erfahren. „Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du wertvoll bist?“ fragt Monty die Jugendlichen weiter. Die Antworten verursachen Gänsehaut, sehr oft haben sie es nicht zu hören bekommen, manche auch gar nicht. Jeder von euch ist ein wertvoller Mensch sagt Monty den Jugendlichen, jeder kann etwas bewegen. Jeder kann etwas aus seinem Leben machen, erreichen was er will, wenn er bereit ist sich anzustrengen und zu lernen. Er fragt sie nach ihren Zukunftsplänen und spricht mit ihnen über den Wunsch nach Familie und über Berufe, die mit Computern oder Schuhen zu tun haben. Geduldig beantwortet Monty Roberts alle Fragen, denn er weiß selbst, aus eigener Erfahrung, wie wichtig es immer wieder war, dass sich jemand für ihn Zeit genommen hat und mit ihm gesprochen hat. Ein dunkelhaariges Mädchen ist während dieser Gespräche besonders verschlossen. Grimmige Blicke, verschränkte Arme, flapsige Antworten, keine Perspektiven und wenig Zukunftspläne. Du lebst in Westeuropa, sagt ihr Monty, du wirst immer zu essen haben und Möglichkeiten, eine Ausbildung zu machen um eigenes Geld zu verdienen. In anderen Teilen der Welt würde man dir so eine Chance nicht geben, also nütze diese hier. Das Mädchen sieht ihn an und zieht die Augenbrauen zusammen. Dann zeigen die Jugendlichen ihre Arbeit mit den Pferden, gemeinsam möchten sie die Stute und den Wallach von der einen Seite des Reitplatzes zur anderen bewegen – ohne Halfter und Strick, nicht führen sondern mit Körpersprache, mit leichten Berührungen, keinesfalls mit Gewalt oder laut. Sie sind ernsthaft bei der Sache, agieren ganz sanft, vorsichtig, mit unendlich viel Geduld. Eine Menge Gedanken machen sie sich, was dem Pferd vielleicht weh tut oder wie man sich ihm verständlich machen kann. Sie bleiben dabei, bis das Ziel erreicht ist. Die Erfahrungen, die sie dabei machen, sollen sie auf ihren Alltag und auf andere Menschen übertragen, denn mit den Pferden haben sie ein Gefühl dafür bekommen, wie Beziehungen funktionieren können. Und wir hoffen dass sie nicht so oft enttäuscht werden, dass sich jemand findet der aufmerksam ist und achtsam, zuhört und nicht vorschnell urteilt. Beim abschließenden Gruppenfoto dann, will das dunkelhaarige Mädchen unbedingt neben Monty stehen. Und dann kommt es natürlich genau so, wie es immer kommt, es passiert Monty Roberts ständig: da ist doch tatsächlich ein Pferd im Stall, das kein Join up kann. Beim Join up begegnen sich Mensch und Pferd in einem Roundpen. Das Pferd wird weder festgehalten noch festgebunden und hat somit Gelegenheit sich vom Menschen zu entfernen. Wenn es sich entscheidet wegzugehen, signalisiert der Mensch mit Körpersprache und Augenkontakt: „Ich bin einverstanden mit deiner Entscheidung zu fliehen, aber dann geh nicht nur ein Stückchen, sondern geh richtig weg.“ Die natürliche Fluchtdistanz von Pferden beträgt etwa 600 Meter. Danach überprüfen sie in der Regel ihre Entscheidung dahingehend, ob es Sinn macht weiter zu fliehen und damit weitere körperliche Energie zu verbrauchen oder ob es andere Möglichkeiten gibt. Das Pferd hat somit die Wahl zwischen weiterer Flucht oder Kontaktaufnahme und Kommunikation mit dem Menschen. Das Pferd als Fluchttier wäre allein in freier Wildbahn dem Tod ausgeliefert und wird instinktiv immer versuchen in den Schutz der Herde zurückzugelangen. Anzeichen für die Bereitschaft, sich dem Menschen anzuschließen sind das Ohrenspiel, Senken des Kopfes, Leck- und Kaubewegungen und ein enger werdender Zirkel. Sobald das Tier diese Gesten zeigt, nimmt auch der Mensch eine passive Haltung ein, wendet sich leicht ab, lässt die Schultern hängen, senkt die Arme und sieht dem Pferd nicht mehr in die Augen. Mit dieser Körpersprache signalisiert der Mensch dem Pferd, dass es sich nähern darf und keine Angst vor einem Angriff haben muss. Mit seiner Annäherung zeigt das Pferd, das es den Menschen als Leittier akzeptiert und ihm Vertrauen entgegenbringt. Zur positiven Verstärkung und Bestätigung streichelt der Mensch das Pferd auf der Stirn. Dies ist der Moment des Join-Up. Genau nach Lehrbuch hat das Mädchen alles probiert und das Pferd hat auch alle Kommunikationszeichen gezeigt. Aber dann will es sich nicht anschließen, es kommt nicht bis an die Schulter, kapiert es nicht. „Hat das Pferd es nicht richtig gemacht oder du?“ fragt Monty das Mädchen und lächelt sie an, denn die Pferde machen es instinktiv, alle 20.000 mit denen er bisher gearbeitet hat. Kurzerhand wird der Reitplatz abgeteilt, ein Roundpen improvisiert, Menschen stehen als natürliche Begrenzung hinter dem rotweißen Absperrband. Das Pferd kommt mit dem Stallhalfter und eine Longe wird ausgeliehen. Monty betritt den Platz und man merkt ihm seine 76 Jahren nicht an, wenn er durch den tiefen Sand des Reitplatzes läuft. Nebenbei erklärt er im Schnelldurchlauf die Theorie: Flucht des Pferdes in beide Richtungen, die vier Kommunikationszeichen, auf die er wartet und die auch prompt zu erkennen sind. Dann dreht er sich nach innen, passiv, mit gesenktem Blick und hängenden Schultern. Das Pferd dreht mit, nähert sich ein bisschen und bleibt einen guten Meter entfernt stehen. Es ist mucksmäuschenstill. Monty macht ein paar kleine Schritte bogenförmig auf das Pferd zu und zeigt nochmal klar und deutlich die einladende Geste. Er ist nicht enttäuscht oder sauer, er gibt dem Pferd einfach noch eine Chance seine Entscheidung zu überdenken und eine neue Entscheidung zu fällen. Und dann, ganz vorsichtig, kommt das Pferd zu Monty heran. Als Belohnung erhält es eine Streicheleinheit auf der Stirn zwischen den Augen, das ist der Moment des Join up. Man hört kein „na endlich!“ oder „geht doch!“ oder andere ernüchternde Kommentare. Einfach eine sofortige positive Konsequenz für das gewünschte Handeln. Die Jugendlichen beobachten genau seine sanfte Art, aber auch seine Beharrlichkeit. Er lobt positive Reaktionen und bleibt auch bei negativem Verhalten ruhig und entspannt. Dem Pferd hat er geduldig Zeit gegeben und wiederholt stille Einladungen kommuniziert. Und das ist es, was diese Jugendlichen hier auch brauchen: eine zweite Chance die richtige Entscheidung zu treffen. Das ist ganz klar in diesem Moment. Das Fehlverhalten von Jugendlichen wird leider oft auf ähnliche Weise behandelt, wie man auch konventionell mit Pferden umging. Zwang, Druck und übergriffige Therapien mit dem Ziel das Ego des Teenagers zu brechen sind vergleichbar mit den Methoden, die verwendet werden um Pferde zu brechen. Doch nur wenn man den Betroffenen an der Entscheidung beteiligt, kann man eine nachhaltige Veränderung in Gang bringen. Man muss ihnen nicht sagen, was sie falsch machen, das merken sie mit etwas Unterstützung meist selbst – wenn man sie hingegen im Richtigen bestärkt und reelle Möglichkeiten anbietet, können sie positive, intelligente Entscheidungen treffen, sowohl Pferde als auch Menschen. Erlebnisorientiertes Training von Menschen mit Pferden ist mehr als Pferdestreicheln, Cowboyromantik und Outdoor- Survivals. Pferde stellen eine Verbindung zum Menschen her, sie sind sehr gute Lehrmeister, man muss sich nur darauf einlassen, ihnen zuzuhören. Denn die Legende sagt, seit dem Moment in der Urzeit als dem ersten Pferd ein Halfter angelegt wurde, gab es einige wenige Menschen, die bis in die Seele dieser Pferde blicken konnten und ihre Angst verstanden. Weil man annahm, dass diese Menschen den Pferden geheime Zaubersprüche in die Ohren flüsterten, nannte man sie die Pferdeflüsterer. Das ist ein Mythos, denn Wahrheit und Realität sind evidenter. Gewalt gegen andere entsteht aus eigner Angst und diese Angst entsteht durch Unsicherheit und Unwissenheit. Nur durch friedliche Kommunikation können wir Wissen erlagen und Vertrauen gewinnen, das ist der Weg zu Toleranz und gegen Gewalt. Denn Gewalt ist niemals eine Lösung. Sie dient immer nur dem Täter, nie dem Opfer. Kein Lebewesen ist mit dem Privileg geboren einem anderen zu befehlen: mach, was ich dir sage oder ich werde dir wehtun. Das ist die Lektion, die Monty Roberts von den Pferden gelernt hat und weitergibt in seinen Büchern, die Millionen Menschen lesen, in seinen Shows mit nur vier Pferden aber 2000 Zuschauern pro Abend oder im kleinen Kreis, wie hier an einem Frühlingstag in Tirol.  

 Doris Semmelmann, 2011 Veröffentlicht im Magazin „Hufspuren“ September/Oktober 2011, Seite 27 ff.

und im Monty Roberts Newsletter June 2011 (english version)

Weiterführende Links: www.montyroberts.com www.carina-prantl.at Literatur: „Das Wissen der Pferde – und was wir Menschen von ihnen lernen können“; Monty Roberts im Lübbe Verlag