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Bitte keine Lobhudelei

Magazin Piaffe 2/2019

„Loben nicht vergessen!“, diesen Satz kennen viele aus den ersten Reitstunden. Klopfen, tätscheln, kraulen, knuddeln oder „Priiiima!“ – es gibt verschiedenste Möglichkeiten, einem Pferd mitzuteilen, dass es etwas gut gemacht hat. Wir haben die Methode zu loben im Reitunterricht gelernt oder von anderen abgeschaut, vielleicht ist das Lob auch intuitiv oder aus dem zwischenmenschlichen Bereich übertragen. Auf ganz unterschiedliche Weise kommen diese Bekundungen dann bei den Pferden an. Manche werden naturgemäß verstanden, manche machen nur bei richtiger Anwendung Sinn. Und für alle gilt: Bewusst eingesetzt und nicht gehudelt, bewirken sie eine engere Verbindung zum Pferd.

 

Eins gleich vorweg: Das kraftvolle Klopfen auf den Hals, das man vor allem im Pferdesport so oft sieht, sollte man sich sparen. Es bringt nichts. Es hat keine Entsprechung in der Natur oder der Kommunikation von Pferden untereinander. Es kommt aus dem militärischen Umfeld oder ist vom menschlichen „Auf-die-Schulter-klopfen“ übertragen. Das bedeutet, Pferde müssen erst lernen, dass diese rüde Geste etwas Positives bedeuten soll. Bedenkt man, dass ein Pferd spüren kann, wenn eine Fliege auf seinem Fell landet – wie mag sich dann im Vergleich dieses deftige Draufhauen auf Hals, Schulter oder Kruppe anfühlen?

Vom Grand Prix bis zum ländlichen Reitplatz kann man es aber dennoch sehen: Wer mit dem Pferd zufrieden ist, schlägt kräftig auf den Hals des Pferdes ein. Dass die erfolgreichen Sportreiter das Halsklopfen so praktizieren, führt zu einem für die Pferde unangenehmen Nachahmungseffekt bei vielen Reitern. Völlig arglos wird es praktiziert und hat sich international sogar als „German Touch“ einen Namen gemacht. Die Pferde erdulden diese seltsame Belobigung, manchmal ist ein Abwehrverhalten erkennbar. Eine positive Rückmeldung der Pferde kann man nicht feststellen. Manche verstehen vielmehr, dass die Arbeit nun beendet ist.

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Nur nicht hudeln  

Neben dem richtigen Timing ist auch die richtige Dosis von Lob ein wichtiger Faktor. Nach dem Motto: „Nicht geschimpft ist genug gelobt!“ nimmt man viele Leistungen des Pferdes reaktionslos an. Die Einstellung: „Ach, das kann der doch“, ist nicht nur unaufmerksam, sondern sogar respektlos gegenüber dem Pferd. Hat es etwas gut gemacht, bedarf es einer positiven Reaktion! Dem Richtigen sollte man keinesfalls weniger Aufmerksamkeit widmen als dem Falschen oder der Korrektur. Ein kleines Streicheln, ein zufriedenes „danke“ oder „brav“ zeigt nicht nur Anerkennung, sondern vermittelt auch ein entspanntes, freudiges Gefühl - und dieses nimmt das Pferd prompt wahr.

Die eigenen Emotionen übertragen sich in sekundenschnelle auf das Pferd, egal ob wir versuchen sie auszudrücken oder nicht. Gemeinsam mit dem Pferd in Harmonie schwelgen, davon träumen wohl alle Reiter. Dafür sollte man jedoch zuerst hinterfragen, welchem Leistungsdruck man sein Pferd aussetzt. Überwiegen die positiven Erlebnisse in der gemeinsamen Arbeit? Empfindet das Pferd diese ebenso? Ist man in der Lage, sich gemeinsam dem Moment hinzugeben und zu genießen, dass eine Lektion geglückt ist?

Jeder Reiter kennt auch die Kehrseite der Medaille: die Situation, in der man Reitschüler ist. Welchen Unterschied es macht, ob der Reitlehrer zugewandt, aufmerksam und wertschätzend bestätigt, wenn etwas gut läuft – oder mürrisch aus der Ecke „weiter so“ murmelt. Ebenso geht es dem Pferd mit uns als Reiter. Der wundervolle gemeinsame Moment, der uns ein Lächeln auf die Lippen zaubert, beruht auf tiefer Verbundenheit. Dazu muss man sich aufeinander einlassen, Signale und Stimmungen wahrnehmen und so darauf reagieren, dass der andere versteht. Nehmen Sie sich die Zeit, herauszufinden, welches Lob Ihr Pferd gerne mag, motivierend oder beruhigend findet. Es werden weder große Gesten noch laute Worte sein. Es ist eine Investition in gegenseitiges Verständnis und Harmonie. Wenn Manuel Jorge de Oliveira die Hände hinter dem Rücken verschränkt und leise, tief und langgezogen „Exxxaaakt“ sagt, dann wissen sowohl als Reiter als auch als Pferd, dass sie etwas gut gemacht haben.

Doris Semmelmann