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Lomitas – ein aussergewöhnliches Rennpferd

Druck erzeugt Gegendruck

oder wie sollte intelligentes Pferde- Training aussehen?

Der Dokumentarfilm von Gestüt Fährhof über das Ausnahme-Rennpferd Lomitas „His Story“ hat 2016 in New York den Equus Award - den Pferde Oscar – gewonnen.

An dem Beispiel von Lomitas kann man erahnen, dass Vollblüter überaus sensibel auf jede Art von Vorgängen reagieren. Sowohl im negativen Sinn, als Lomitas nicht mehr in die Startbox ging – wie auch im positiven Sinn, als er es nach dem Training mit dem Pferdeflüsterer Monty Roberts wieder tat - so als wären all die Dramen nicht gewesen. Auf den Punkt gebracht: Wäre Lomitas nicht so clever und intelligent gewesen, wäre er nicht so ein Ausnahmerennpferd geworden. Den Kurzfilm „Lomitas – His Story“ sehen Sie hier, mit freundlicher Genehmigung von Gestüt Fährhof.

Lomitas, 1988 geboren, startete als talentierter Zweijähriger seine Rennkariere. Wenn er lief, gewann er mit Leichtigkeit. Er hatte ein paar Schwierigkeiten mit Transportern und Startboxen, aber mit dem was folgte, hatte keiner gerechnet. Das große Desaster kam, als Lomitas seine Entscheidung getroffen hatte, NICHT in die Startbox zu gehen. Niemals! Das Pferd hatte beschlossen nicht mehr zu kooperieren. Es war nicht nur peinlich, es zeigte Grenzen auf und hätte das Ende seiner Karriere bedeutet. Lomitas war gesperrt, sein Züchter Walter J. Jacobs und Trainer Andreas Wöhler gaben ihn aber nicht auf und wollten jeden gangbaren Weg beschreiten, um eine Lösung zu finden. Diese war dann ein gewisser Monty Roberts, der Pferdeflüsterer …

Monty Roberts sagt selbst, dass Lomitas zu den wichtigsten Pferden seines Lebens gehört. Er unterteilt seine Arbeit in die Zeit vor Lomitas und die danach. Schnell fand er damals heraus, dass Lomitas‘ Problem tatsächlich Klaustrophobie war, er mochte keine Enge. Und weil er wiederholt gezwungen worden war, die Enge in Startboxen und Transportern auszuhalten, fürchtete Lomitas zu recht, dass es immer noch schlimmer kommen würde und trat in Streik. Die eigentliche Arbeit des ‚Pferdeflüsterers‘ Monty Roberts hat aber nichts mit Flüstern und Zaubern zu tun, sondern mit dem Aufbau von Vertrauen und Sicherheit.

Beim Interview im April 2016, das ich für das Magazin PIAFFE mit Monty Roberts führte, schweiften wir kurz zum Thema ‚Rennpferde‘ ab. Er erzählt: „Junge Vollblüter kennen es nicht, sich an etwas anzustoßen, bis sie zum ersten Mal in eine Startmaschine gehen. Sie erschrecken, wenn sie die Seitenwand berühren und mindestens die Hälfte aller Jungpferde kämpft dagegen an. Jedes Pferd, das in der Startbox kämpft, verliert dann aber mindestens eine Länge im Rennen.“ Im Film „Secretariat“ gibt John Malkovich als Trainer ‚Lucien Laurin‘ seine Einschätzung des Rennpferdes so ab: „Er lehnt sich an die Startbox, als wär‘s ‘ne Hängematte in der Karibik“. Er beschreibt dasselbe Problem. Monty Roberts plädiert dafür, dass jedes Rennpferd darin trainiert werden sollte, einem Druck auszuweichen. Denn von Natur aus reagiert ein Pferd auf Druck, indem es instinktiv dagegen drückt, sich in den Druck hineinlehnt. Wer schon einmal versucht hat, ein Pferd zur Seite zu schieben, kennt das wahrscheinlich. Das Pferd lehnt sich mit aller Kraft dagegen. Die Natur hat das so eingerichtet, da sich Raubtiere meist in die Flanken der Wildpferde verbissen haben. Um schlimmeren Verletzungen zu entgehen, die entstanden wären, würden die Pferde dem Druck weichen, habe sie gelernt, dagegen zu drücken und zu kämpfen. Heutzutage haben ausgebildete, trainierte Pferde gelernt, dem Druck zu weichen. Seitengänge oder Galoppwechsel in der Dressur sind beste Beispiele dafür.

Monty Roberts und Doris Semmelmann im April 2016 beim Interview im Haupt- und Landesgestüt Schwaiganger
Foto: Paulina Vogelgsang

Doch bei Training von Rennpferden ist das (noch) nicht üblich. „Sie sollten es können, bevor sie das erste Mal eine Startmaschine betreten. Man kann ihnen das in weniger als einer Woche beibringen.“ erklärt Monty Roberts weiter. Vor unserem Interviewtermin hatte er gerade ein Fohlen trainiert, das so sensitiv war, dass es alles über den Haufen rannte, wenn es mit etwas in Berührung kam, das es nicht sehen konnte. Es muss lernen, weder dagegen zu drücken noch zu fliehen, wenn es von etwas berührt wird.

Auch für Lomitas wäre die Startbox kein Problem gewesen, wenn er das als junges Pferd gelernt hätte. „Man stelle sich vor, ich hätte mit dem ersten Fohlen der Evolution trainieren können, auf Druck zu weichen – Startmaschinen wären niemals ein Problem geworden.“ philosophiert Monty Roberts. Man stelle sich vor, wir würden die Intelligenz der Pferde nutzen, um ihnen etwas beizubringen. Man stelle sich vor, wir würden ihnen eigenständiges Lernen ermöglichen, anstatt mit Zügeln, Sporen und Gerten Reaktionen erzwingen. Man stelle sich vor, wir hätten das Phänomen von Druck und Gegendruck wirklich verstanden. Wieviel einfacher wäre das?

Doris Semmelmann,
Dezember 2016

"Pferde müssen lernen, dem Druck zu weichen", erklärt Monty im Video. Für Dressur- oder Western-Pferde ist es normal, für Rennpferde aber leider nicht. Doch wenn Rennpferde sich in der Startbox zuerst gegen den Druck der Railways lehnen, dann müssen sie, wenn das Tor aufgeht, sich aufrichten und nach vorne ausrichten. Das kostet sie eine halbe Länge. Was ist schon eine halbe Länge? Im Rennsport ist es die Grenze zwischen Sieg und Niederlage!

Das Erbe des Pferdeflüsterers

Das Erbe des Pferdeflüsterers
Magazin Piaffe 2/2016

Monty Roberts spricht über seine Ziele und seine Kritiker, über seine Arbeit mit Traumata bei Pferden und Menschen und seinen Wunsch für die Zukunft.

81 Jahre ist er mittlerweile alt. Und noch immer auf Tour. Diesmal in der ausverkauften Halle auf dem Haupt- und Landesgestüt Schwaiganger in Bayern. Professionell anmoderiert und von einer Fanfare begleitet betritt Monty Roberts den Roundpen – seine Bühne. Seit 28 Jahren macht er Shows wie diese. Ich finde, es hat sich eigentlich nicht viel verändert zu der ersten Show, die ich gesehen habe: 2002 in München, die mit dem berüchtigten Umbrella- Horse, das panische Angst vor Regenschirmen hatte. Zwischenzeitlich ist Regenschirm-Schrecktraining sogar Bestandteil der GHP.

„Die Arbeit mit den Pferden hat sich enorm verändert in den letzten 30 Jahren“, sagt hingegen Katrin Junker, Instuktorin aus Montys Team. „Züchtungen, Reitweisen, Therapien, Horsemanship und wissenschaftliche Studien beeinflussen und bereichern heute Arbeit mit Pferden.“ Und trotzdem scheinen sich die Probleme nicht zu verändern. In Monty Roberts‘ Demonstrationen gibt es seit Jahrzehnten immer „Starter“, „Spooky“ und „Non-Loader“, also Pferde, die noch keinen Sattel und Reiter kennen, Pferde, die sich vor etwas fürchten und Pferde, die sich nicht verladen lassen.

(...)

Was bringt Pferdebesitzer dazu, ihr Pferd für eine Show anzumelden? Immer wenn sogenannte „Problempferde“ gesucht werden, egal ob für Shows von Monty Roberts oder anderen, für Vorführungen auf der Equitana oder für Demo-Tage in Reitställen, früher oder später erfolgt der Aufschrei. „Wie kann man nur!?!“ Wie kann man sein Pferd nur diesem Stress aussetzen; wie kann man es oder sich nur so zur Schau stellen; warum macht man nicht selber zu Hause einfach gute Pferdearbeit? Ich habe in all den Jahren viele dieser „Problempferde“-Besitzer gesehen, gehört und gesprochen und ich habe die Verzweiflung in ihren Geschichten gespürt. Es ist nicht so, dass sie es sich leicht machen wollen oder ein kostenloses Training ergattern oder selbst im Rampenlicht stehen. Vielmehr sind es Geschichten von Mensch-Tier-Beziehungen, die harmonisch angefangen haben, dann kam ein Problem – plötzlich oder schleichend – und hat ein solches Ausmaß angenommen, dass die meisten dieser Besitzer nach einer Odyssee von Tipps, Trainern und Therapeuten nun in einer Veranstaltung ihr Pferd vorstellen und es ihnen egal ist, wie viele Menschen zuschauen. Oft sagen sie, dies ist die letzte Chance, für sie, für das Pferd oder für beide. Sieht man sich diese Pferde und ihre Probleme dann objektiv an, muss man in der Regel erkennen, dass weder versierte Kappzaum-Arbeit noch geübtes Seilschwingen ausreichen werden, um ein solches Pferd reitbar, handhabbar oder verladbar zu machen. Technik alleine reicht nicht aus, genauso wenig wie Streicheleinheiten oder Leckerlis. Es geht um etwas anderes.

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