Tag Archiv: pferd

Bitte keine Lobhudelei

Magazin Piaffe 2/2019

„Loben nicht vergessen!“, diesen Satz kennen viele aus den ersten Reitstunden. Klopfen, tätscheln, kraulen, knuddeln oder „Priiiima!“ – es gibt verschiedenste Möglichkeiten, einem Pferd mitzuteilen, dass es etwas gut gemacht hat. Wir haben die Methode zu loben im Reitunterricht gelernt oder von anderen abgeschaut, vielleicht ist das Lob auch intuitiv oder aus dem zwischenmenschlichen Bereich übertragen. Auf ganz unterschiedliche Weise kommen diese Bekundungen dann bei den Pferden an. Manche werden naturgemäß verstanden, manche machen nur bei richtiger Anwendung Sinn. Und für alle gilt: Bewusst eingesetzt und nicht gehudelt, bewirken sie eine engere Verbindung zum Pferd.

 

Eins gleich vorweg: Das kraftvolle Klopfen auf den Hals, das man vor allem im Pferdesport so oft sieht, sollte man sich sparen. Es bringt nichts. Es hat keine Entsprechung in der Natur oder der Kommunikation von Pferden untereinander. Es kommt aus dem militärischen Umfeld oder ist vom menschlichen „Auf-die-Schulter-klopfen“ übertragen. Das bedeutet, Pferde müssen erst lernen, dass diese rüde Geste etwas Positives bedeuten soll. Bedenkt man, dass ein Pferd spüren kann, wenn eine Fliege auf seinem Fell landet – wie mag sich dann im Vergleich dieses deftige Draufhauen auf Hals, Schulter oder Kruppe anfühlen?

Vom Grand Prix bis zum ländlichen Reitplatz kann man es aber dennoch sehen: Wer mit dem Pferd zufrieden ist, schlägt kräftig auf den Hals des Pferdes ein. Dass die erfolgreichen Sportreiter das Halsklopfen so praktizieren, führt zu einem für die Pferde unangenehmen Nachahmungseffekt bei vielen Reitern. Völlig arglos wird es praktiziert und hat sich international sogar als „German Touch“ einen Namen gemacht. Die Pferde erdulden diese seltsame Belobigung, manchmal ist ein Abwehrverhalten erkennbar. Eine positive Rückmeldung der Pferde kann man nicht feststellen. Manche verstehen vielmehr, dass die Arbeit nun beendet ist.

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Nur nicht hudeln  

Neben dem richtigen Timing ist auch die richtige Dosis von Lob ein wichtiger Faktor. Nach dem Motto: „Nicht geschimpft ist genug gelobt!“ nimmt man viele Leistungen des Pferdes reaktionslos an. Die Einstellung: „Ach, das kann der doch“, ist nicht nur unaufmerksam, sondern sogar respektlos gegenüber dem Pferd. Hat es etwas gut gemacht, bedarf es einer positiven Reaktion! Dem Richtigen sollte man keinesfalls weniger Aufmerksamkeit widmen als dem Falschen oder der Korrektur. Ein kleines Streicheln, ein zufriedenes „danke“ oder „brav“ zeigt nicht nur Anerkennung, sondern vermittelt auch ein entspanntes, freudiges Gefühl - und dieses nimmt das Pferd prompt wahr.

Die eigenen Emotionen übertragen sich in sekundenschnelle auf das Pferd, egal ob wir versuchen sie auszudrücken oder nicht. Gemeinsam mit dem Pferd in Harmonie schwelgen, davon träumen wohl alle Reiter. Dafür sollte man jedoch zuerst hinterfragen, welchem Leistungsdruck man sein Pferd aussetzt. Überwiegen die positiven Erlebnisse in der gemeinsamen Arbeit? Empfindet das Pferd diese ebenso? Ist man in der Lage, sich gemeinsam dem Moment hinzugeben und zu genießen, dass eine Lektion geglückt ist?

Jeder Reiter kennt auch die Kehrseite der Medaille: die Situation, in der man Reitschüler ist. Welchen Unterschied es macht, ob der Reitlehrer zugewandt, aufmerksam und wertschätzend bestätigt, wenn etwas gut läuft – oder mürrisch aus der Ecke „weiter so“ murmelt. Ebenso geht es dem Pferd mit uns als Reiter. Der wundervolle gemeinsame Moment, der uns ein Lächeln auf die Lippen zaubert, beruht auf tiefer Verbundenheit. Dazu muss man sich aufeinander einlassen, Signale und Stimmungen wahrnehmen und so darauf reagieren, dass der andere versteht. Nehmen Sie sich die Zeit, herauszufinden, welches Lob Ihr Pferd gerne mag, motivierend oder beruhigend findet. Es werden weder große Gesten noch laute Worte sein. Es ist eine Investition in gegenseitiges Verständnis und Harmonie. Wenn Manuel Jorge de Oliveira die Hände hinter dem Rücken verschränkt und leise, tief und langgezogen „Exxxaaakt“ sagt, dann wissen sowohl als Reiter als auch als Pferd, dass sie etwas gut gemacht haben.

Doris Semmelmann

Druck erzeugt Gegendruck

Magazin Piaffe 2/2019

Haben Sie schon einmal versucht ein Pferd beiseite zu schieben? Am Putzplatz, beim Hufschmied oder auch nur, wenn es irgendwo im Weg steht? Vermutlich hat es nicht funktioniert. Vermutlich hat sich das Pferd mit viel Kraft dem Druck entgegengestellt. Es hat seinen Schwerpunkt verlagert und keinen Millimeter nachgegeben. „Druck erzeugt eben Gegendruck“ sagt man sich dann.

Dieses Phänomen kann uns die Evolution wunderbar erklären. Zu Urzeiten, als die Pferde noch in der freien Wildbahn lebten, waren Raubtiere ihre Fressfeinde. Deren Angriff zielte gewöhnlich auf die weiche Stelle des Pferdekörpers ab, zwischen Rippen und Hüfte. Dort können sich Raubtierzähne bestens verbeißen und großen Schaden anrichten. Würde das Pferd nun also weichen und wegrennen, nachdem das Raubtier zugebissen hat, bräuchte dieses nur festhalten, denn durch sein Weglaufen würde das Pferd selbst dazu beitragen, dass die dünnen Gewebeschichten dieser Körperpartie reißen und es hätte ein Loch in der Bauchwand. Damit wäre das Pferd in der Wildnis so gut wie tot. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Pferd überlebt ist viel größer, wenn es sich dem zubeißenden Raubtier abrupt entgegenwirft und dann mit allen Mitteln kämpft. In diesem Moment wird das Raubtier seine Zähne auseinandernehmen und das Pferd hätte schlimmstenfalls eine Bisswunde – aber dadurch kein klaffendes Loch. Über Jahrmillionen haben eben die Tiere überlebt, die gegendrücken, währenddessen die ausgestorben sind, die dem Druck nachgegeben haben oder davongelaufen sind. Und dieses Wissen sitzt als Instinkt noch immer in ihren Köpfen, Genen oder wo auch immer.

Auch im übertragenen Sinne mag es kein Mensch leiden, wenn Druck auf ihn ausgeübt wird. Dem Druck zu weichen wäre eine Möglichkeit, doch das tun wir genauso ungern wie die Pferde. Nachgeben kann man nie in seiner ganzen Größe, nie mit Begeisterung, nie motiviert – sondern vielmehr mit einem Gefühl des Unterlegen seins, Kapitulierens, Resignierens. Wir alle kennen dieses Gefühl selbst und doch fallen wir immer wieder darauf herein. „Dem musst du mal richtig Druck machen!“ geben oder bekommen wir als wohlgemeinten Ratschlag. Wir glauben „viel hilft viel“ - also durch Verstärkung von Input wie Worten, Energie, Hilfen oder Einflussnahme, auch mehr Output, also das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Kennen Sie ein Beispiel, wo das tatsächlich geklappt hat? Ohne Folgeschäden? Dann lassen Sie es mich unbedingt wissen, ich kenne nämlich keins.

Das Pferd, das in der Stallgasse im Weg steht, wird nicht eher weichen, wenn Sie mehr drücken. Auch beim Reiten oder im Training wird mehr Druck nicht zu besseren Ergebnissen führen. Im Falle der negativen Verstärkung ist es sogar grundlegend, dass der Druck sofort aufhört, wenn das Pferd nur eine Mikrobewegung in die richtige Richtung macht.

Genauso ist es im zwischenmenschlichen Bereich. Die meisten Menschen fühlen sich bei Druck absolut überfordert und in die Enge getrieben. Und dann passiert es eben, dass wir langsamer werden, wenn jemand nachdrücklich auf die Erledigung einer Aufgabe drängt. Dass wir schon aus Prinzip dagegen sind, wenn jemand auf etwas beharrt. Dass wir unverbindlicher werden,  wenn jemand hartnäckig ein Ziel verfolgt oder dass wir einfach nicht nachgeben wollen, wenn der andere nicht lockerlässt. Das Druck-erzeugt-Gegendruck-Phänomen sitzt uns genauso in den Genen, wie den Pferden. Wir haben es verinnerlicht und wenden es auch subtil an, indem wir zum Beispiel einfach gestresst gucken, wenn uns jemand antreibt oder mehr aufbürdet. Gestresst gucken bedeutet nämlich noch lange nicht, dass jemand auch tatsächlich gestresst ist. So zeigt eine Studie, dass Arbeitnehmer im Alter zwischen 18 und 34 gerne einmal Stress vortäuschen, um dem Leistungsdruck standzuhalten. Andere quasseln, jammern oder werden hysterisch. „Head down and deliver“ ist ein Slogan der Knechtschaft mancher Unternehmensberatungen, die Rollkur des Business sozusagen, aber schneller bessere Ergebnisse hat dies ebensowenig hervorgebracht.

Besser oder schneller ist kein Resultat von Druck

Pferdetrainer seit jeher waren mit der Aufgabe konfrontiert das Gegendruck Phänomen zu händeln. Bereits Xenophon erklärte in seiner ersten Schrift über die Reitkunst: „Das Pferd wird den Zaum eher annehmen, wenn man ihm danach etwas Gutes angedeihen lässt. Es wird über Gräben setzen, herausspringen und, kurz, alles andere williger ausführen, wenn ihm nach der Ausführung des Befehls Lob und Ruhe zuteilwird.“ Und dieses Wissen sollte sich in unseren Führungsetagen verbreiten: Wer auf einen anderen einwirkt, muss im rechten Moment auch wieder nachlassen, um das Gewünschte zu erreichen. Lob und Ruhe sind auch für Mitarbeiter ein Motivationselement. Gute Führungskräfte achten auf perfektes Timing und nehmen den Druck sofort weg, wenn der Andere nur ansetzt das Richtige zu tun – egal ob der Andere nun ein Pferd oder ein Mensch ist.

Doris Semmelmann

Die Przewalski-Pferde in der Döberitzer Heide

Magazin Piaffe 1/2019

In einem einmaligen Wildnisgroßprojekt unmittelbar vor den Toren von Berlin und Potsdam hat die Heinz Sielmann Stiftung auf dem früheren Truppenübungsplatz „Döberitz“ einige fast ausgestorbene Wildtierarten angesiedelt. Auf etwa 3600 Hektar leben heute 24 Przewalski-Pferde gemeinsam mit Wisenten und Rothirschen in „Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide“. Wisent und Przewalski-Pferd galten im 20. Jahrhundert als fast ausgestorben. Lediglich ein paar Tiere gab es noch in Zoos und Gehegen.

Wir fahren in die „Wildniskernzone“, dem 1850 Hektar umfassenden inneren Teil des Naturschutzgebietes. Der Bereich ist doppelt umzäunt und kameraüberwacht, die Tore fest verschlossen. Das Areal ist für Besucher normalerweise nicht zugänglich. Lange sandige Wege des ehemaligen Militärgeländes durchziehen dichten oder lichten Wald und freie Flächen, man sieht alte Panzergräben und Krater. Die dort lebenden Tiere können sich frei bewegen, sie tragen keine Sender. Es bedarf also einer Portion Glück, sie anzutreffen. Auf der Suche nach den Przewalski-Pferden steuern wir die erste Wasserstelle an. In große, gemauerte Becken wird an mehreren Orten im weitläufigen Gelände Grundwasser mit Solarpumpen heraufgepumpt, so dass alle Bewohner der Wildniskernzone zu trinken haben. Doch diese Wasserstelle wirkt verlassen. Die Spuren im trockenen Sand geben keine Hinweise ob hier kürzlich jemand seinen Durst gestillt hat. Eigentlich wollen wir weiterfahren, als wir leises Knacken unter den Bäumen vernehmen.

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Rast mit wildlebenden Pferden

Przewalski-Wallach Lex und seinen kleinen Harem treffen wir wieder an einem sandigen Fahrweg in der Wildniskernzone. Sie sind nicht in Eile, doch machen sie den Anschein, als hätten sie etwas vor. Sie überqueren zielstrebig den Weg und verschwinden im lichten Wald zwischen den Bäumen. Wir fahren weiter auf dem Weg, umrunden den Wald und erreichen eine ausgedehnte Ebene nahe dem Ferbitzer Bruch, die „Wüste“ genannt wird. Es ist ein weites, offenes Gebiet mit sandigem Boden und geringer Vegetation. In der Mitte etwa befindet sich eine große Sandkuhle, die von den Pferden gerne aufgesucht wird. An den verfallenen Überresten eines alten Bunkers halten wir an und packen unsere Pausenbrote aus. Und tatsächlich geschieht das, was wir kaum zu hoffen wagten. Fast unmerklich taucht die kleine Herde auf dieser Seite des Waldes wieder auf. Farblich gut getarnt kommen sie langsam zwischen den Bäumen hervor und schlendern den Hang herunter. Natürlich haben sie uns längst gesehen, aber wir stellen wohl keine Gefahr dar. In kleinen Grüppchen und immer wieder grasend spazieren sie an uns vorbei. Die Leitstute steuert als erste die Sandkuhle an und positioniert sich dort. Ganz ohne Eile gesellen sich die andern nach und nach dazu. Sie stehen in einer Formation, es könnten angestammte Plätze sein und sie haben dabei die ganze Ebene auf dem Radar. So dösen sie langsam in ihrem Mittagsschlaf hinüber und halten Siesta.

Die Döberitzer Heide ist ein Mosaik von unterschiedlichsten Biotopen. Die in der Wildniskernzone lebenden Przewalski-Pferde tragen als große Pflanzenfresser neben Wisenten und Rothirschen maßgeblich zur Landschaftsentwicklung bei. Die Ringzone drumherum ist von Wander- und Reitwegen durchzogen und dient als Naturerlebnisraum der Region Berlin-Potsdam, es gibt Picknickplätze und einen Aussichtsturm. Besucher genießen die wilde Natur und mit etwas Glück kann man auch die Przewalski-Pferde erspähen.

Doris Semmelmann

The Beauty of Balance – Internationaler Workshop im Sparreholms Hästcenter, Schweden

The Beauty of Balance
Magazin Piaffe 2/2015

Balance begleitet uns in vielen Bereichen, nicht nur beim Reiten. Die Balance zwischen Einnahmen und Ausgaben, die innere Balance oder die vielzitierte Work-life-Balance – Balance ist ein Teil unseres Lebens. Und gerade beim Reiten ist Balance erlementar, darum ist sie das Thema des diesjährigen Internationalen Workshop auf Schloss Sparreholm in Schweden.

Doch so logisch es auch klingt, dass Pferd und Reiter in Balance sein muessen, so grundlegend ist es auch dass zuvor jeder von beiden seine eigen Balance gefunden haben muss, sowohl Pferd als auch Reiter. Fuer den Reiter, den Menschen heisst das, dass er sowohl seine körperliche als auch seine geistigen Balance finden muss. Ist der Reiter nicht in Balance, klappt das mit dem Reiten nicht, das hat jeder mehr oder weniger schon erlebt.

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Die Balance fuer sich selbst, fuer sein Pferd und fuer beide gemeinsam zu finden ist die Herausforderung, der man sich nach diesem Input gerne stellen mag. Manchmal, so sagt Manuel Jorge de Oliveira, ist es auch ”the balance with the animal inside”. Ob er damit das erfolgsuchende Ego oder den inneren Schweinehund meint, weiss ich nicht so genau – aber vielleicht ist das auch sehr individuell zu beantworten.

Eingebettet in die herrliche Schwedische Landschaft und umrahmt von dem besonderen Charme von Schloss Sparreholm, ergänzt durch die unglaublich leckeren Menues der Schlosskueche und den herrlichen Gästezimmern ist dieser Internationale Workshop jedes Jahr ein Highlight.

Die Hummel

Manchmal wird es sehr ernst bei den Ponyhof-Workshops. So nenne ich die Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung mit Pferden als Co-Trainer, weil das Leben ja nun mal kein Ponyhof ist. Manchmal sind wir an einem Punkt, da hat ein Teilnehmer viel gearbeitet, hat sich getraut, sich eingelassen und angenommen, was die Pferde gezeigt und widergespiegelt haben. Und trotzdem, in der Reflexionsrunde macht sich ein Gefühl der Ratlosigkeit breit, es heißt „ja und?“ oder „ja, aber …“ und das Gefühl des Verstehens, die Erkenntnis oder die Klarheit wollen sich einfach nicht einstellen. Mit reden komme ich da nicht mehr weiter, das weiß ich, denn um etwas wirklich zu verinnerlichen müssen sich Herz und Verstand einig sein.

In solchen Situationen kommen mir dann manchmal andere zu Hilfe. Andere Tiere, die nicht als Co-Trainer eingeteilt oder eingeplant waren. So wie die Hummel.

Eine der Teilnehmerinnen im Workshop traut sich selbst wenig zu. Immer auf Harmonie bedacht, niemandem in ihrem Umfeld soll irgendetwas unangenehm sein, lieber steckt sie selbst zurück. Das erkennt sie auch, sieht es in der Videoanalyse, bestätigt auch das Feedback der anderen Teilnehmer. Doch alle möglichen Lösungsansätze erscheinen ihr unrealistisch, sie könnte es nicht umsetzen, weil sie es sich nicht vorstellen kann. Normalerweise verlässt sie sich auf ihre Intuition, erzählt sie, aber ein Beispiel dazu kann sie nicht erzählen, es fällt ihr keines ein. Wann hat eigentlich mal was geklappt? 

Während dieser Gesprächsrunde summt eine dicke Hummel hinter ihr am Fenster. Laut. Immer lauter, penetrant. Es stört. „Lasst sie mal raus“ sagt irgendwer. Es ist die Teilnehmerin um die es gerade geht, die auf die Bank klettert. Nicht die links oder rechts neben ihr an diesem Fenster sitzen. Nach Anweisung der Anderen nimmt sie die Gardinenstange ab, öffnet das Fenster und geleitet die Hummel sanft ins Freie.

Während ich ihr zugesehen habe, ist es mir plötzlich klar geworden. So ist es immer.
Als sie sich wieder hingesetzt hat, will sie zur Tagesordnung übergehen, aber ich unterbreche sie. „Was hast du gerade gemacht?“ frage ich. „Ich? Ähm … Nichts!? Keine Ahnung … “ Doch langsam fällt der Groschen. Bei allen. „Ich hätte mich das nicht getraut.“ sagt einer. „Ich hätte die mit einem Papier rausgescheucht.“ sagt jemand anderes. „So viel Geduld hätte ich nicht gehabt.“ fügt noch jemand hinzu. Wir helfen ihr, diesen Moment mit der Hummel im Gedächtnis zu behalten. Zu verankern, wie man, von seiner eigenen Intuition geleitet, ein klar vorgegebenes Ziel erreichen kann. Und ich bin mir sicher, dass keine Trainingsmethode, kein NLP-Anker, kein Brain-Gym und keine Wunsch-Visualisierung besser funktioniert hätten. Ich freue mich auf den Moment, wenn sie in naher Zukunft bei ihrem Chef oder ihren Kollegen etwas erreichen möchte und dabei an die Hummel denkt. Es wird klappen, da bin ich mir sicher.

Das Hummel Paradoxon erklärt ja, dass eine Hummel nach den Gesetzen der Aerodynamik nicht fliegen könne. Man sagt, die Fläche ihrer Flügel sei zu klein um ihr Gewicht zu tragen. Aber da die Hummel die Gesetze der Aerodynamik nicht kennt, fliegt sie trotzdem. Manchmal weiss man gar nicht genau was man tut und schon gar nicht wie man das macht. Wenn man darüber nachdenkt oder danach gefragt wird, kann man es nicht erklären und damit werden diese Fähigkeiten klein und unscheinbar. Kümmert man sich aber nicht um Erklärungen oder Argumente sondern vertraut darauf, dass man es kann, dann macht man es wie die Hummel. Und Vertrauen in sich selbst ist die elementare Grundlage für jedes Gelingen.

Danke, Hummel-Co-Trainerin, denke ich still, und genieße Du jetzt den restlichen Tag in Freiheit.

Beim Workshop "Das Leben ist kein Ponyhof" in Happach, Mai 2015
www.renn-pferde-boomerang.de

Foto: Caroline Hosmann, www.naturkinder.com

Pfadfinder-Geschichten

Es war ein klarer, klirrend kalter Wintertag. Die Sonne scheint und täuscht über die eisige Kälte hinweg. Perfekt für einen Ausritt mit Farah. Farah Diba, wie sie eigentlich heisst ist eine souveräne und selbstbewusste Schimmelstute. Wenn wir beide alleine unterwegs sind, ohne andere Pferde, dann lassen wir uns meistens treiben, nehmen die Wege wie sie kommen und reiten in dem Tempo, das uns grade passt. Wir nehmen also den Weg in den Wald. Dort ist es noch kälter und die Sonne berührt nur die obersten Baumwipfel. Pferde mögen es, wenn es kalt ist und ich mag diese ungetrübten Wintertage auch. Wir gehen ein Stück, es ist herrlich und der Kopf wird klar. Aber nach einiger Zeit frieren meine Finger und die Füße ebenfalls. Wir traben und galoppieren ein Stück, Farah schnaubt und geniest es, aber wirklich warm wird mir dabei nicht. Ich überlege kurz und steuere den Weg am Waldrand an, in der Hoffnung, dass dort noch ein bisschen Sonne ist. Irrtum, auch dort ist Schatten und man sieht die Sonne nur ganz oben. „Farah“; sage ich halblaut zu uns beiden „da sind wir heute irgendwie falsch gegangen. Die Runde über die Felder wäre besser gewesen, da wäre Sonne.“ Und ich denke daran, wie die Sonne auf das gefrorene Gras scheint, die Luft glitzert und wie da dann der Wald riecht. Wir biegen ab auf einen Rundweg, der eine schöne Galoppstrecke ist, um uns nochmal aufzuwärmen und dann den Rückweg anzutreten. Farah galoppiert. Aber ganz hinten auf dem Rundweg wird sie langsamer und plötzlich schlägt sie einen Haken und läuft direkt in den Wald. Als ich mich im Sattel wieder sortiert habe, erkenne ich, dass das ein alter, zugewachsener Weg ist. Moos wuchert, Äste liegen quer, hier ist schon lange niemand mehr gegangen. Ich mag solche Wege, die irgendwie verwunschen scheinen und sage wieder halblaut: „ok Farah, wenn du meinst… Wir werden schon sehen, wohin wir da kommen.“ Pferde haben einen untrüglichen Orientierungssinn und sie finden immer nach Hause, das hat gerade Farah schon oft bewiesen. Der Weg schlängelt sich durch den Wald. Mehrmals verliere ich ihn aus den Augen, denke schon er hat aufgehört, aber Farah ist sicher und findet immer wieder zielstrebig den Anschluss. Dann geht es auf einmal bergauf. Sie klettert hinauf und ich ahne dass sie genau weiss, wohin. Und dann ganz unvermutet stehen die Bäume weiter auseinander, Moos und Steine dazwischen und plötzlich sehe ich eine Lichtung, die im hellen warmen Sonnenschein liegt. Mir bleibt die Luft weg und ich muss blinzeln. Wir reiten direkt in die Sonne und genauso hatte ich mir diesen Winterausritt vorgestellt. Tränen steigen in meine Augen vor Freude darüber, dass Farah diesen Weg gefunden und mich herauf getragen hat und darüber dass sie auf unglaubliche Weise meine Gedanken und Wünsche versteht. Sie schlägt öfters mal einen Weg vor und es sind immer schöne Pfade, irgendwie besonders und immer in der richtigen Richtung. Und dabei bleiben wir nie im Dickicht stecken. Das passiert nur manchmal dann, wenn ich einen Weg ausprobieren möchte. Farah blinzelt dabei und zieht die Oberlippe hoch, denn sie weiss ja vorher schon ganz genau, dass dieser Weg nirgendwo hinführen wird und wir da wieder irgendwo im Gestrüpp enden.

Doris Semmelmann, 2010

If there are no horses in heaven

Dolly war ein großes, stattliches Pferd. Braun mit schwarzer Mähne schritt sie stolz durch ihr Pferdeleben. Als sie zu mir kam, war sie fast noch kindlich und manchmal schüchtern hinter ihrer Mutter, so sieht man es auf Fotos aus dieser Zeit. Aber sie ist gewachsen, wurde erwachsen und selbstbewusst. Immer vorne dran, präsent und hoch erhobenen Hauptes. Bis zu dem Tag im Herbst, als eine schlimme Kolik kam. Es war furchtbar. Zunehmend starke Schmerzen haben sie gequält, zweimal war der Tierarzt da, aber es wurde nicht besser und mitten in der Nacht habe ich sie in die Klinik transportiert. Sie hatte keine Kraft mehr sich auf den Beinen zu halten. Es war eine lange und schwierige Operation und nach dem Aufwachen war sie ein zitterndes, hilfloses Häufchen Elend. Aber sie wollte tapfer sein, kämpfen und wieder stolz den Reiter tragen. Doch die Nähte in ihrem Bauch haben nicht gehalten. Ich habe gemerkt, dass ihr Kopf immer mehr nach unten sank, langsam, über viele Stunden hinweg. Hatte sie mich vormittags noch mit Aufschauen begrüßt, stützte sie mittags die Nase auf meinem Bauch ab und am Abend hielt sie den Kopf nur noch tief über dem Boden. Zuerst hielt ich es für Erschöpfung und Müdigkeit, aber irgendwie ahnte ich, dass es etwas anderes war. Als mitten in der Nacht der Anruf der Klinik kam, sprang ich sofort ins Auto. Auf dem Weg dorthin ist mir nur eine Zeile eines Liedes aus dem Autoradio im Gedächtnis: „… if I saw you in heaven…“, da wusste ich, dass es zu Ende geht. Ich hab Dolly begleitet, ihren Kopf gehalten und sie gestreichelt, bis ihre Augen zufielen. Ich bin unendlich traurig, aber vor meinem inneren Auge sehe ich sie über eine grüne Wiese galoppieren, hoch erhobenen Hauptes, mit wehender Mähne und ich denke an den alten Spruch, der am Kühlschrank hängt: I f   t h e r e   a r e   n o   h o r s e s   i n   h e a v e n,   I  a i n ’ t   g o i n g  

Veröffentlicht im Buch „Wiedersehen im Paradies“ von Fred Rai im Nessos Verlag 2011 ISBN-13: 978-3934343214

und im Buch „Abschied nehmen – Trauer um ein geliebtes Tier. Ein Begleit- und Praxisbuch “ von Eva Dempewolf im Fred & Otto Verlag 2015 ISBN: 978-3-95693-012-6

und in „Ein Herz für Tiere“ Nr. 11, Nov. 2011, Seite 30 zum Thema Abschied