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Die Polyvagal-Theorie im Pferdetraining

Neuer Look fürs Nervenkostüm

Das autonome Nervensystem und die Polyvagal-Theorie im Pferdetraining

Da gibt es Pferde, die strahlen in Bewegung, dynamisch traben sie durchs Viereck, galoppieren kraftvoll oder glänzen in einer agilen Piaffe. Andererseits gibt es auch Pferde, die hampeln wie leblose Marionetten, wirken ferngesteuert, matt und blutleer. Woher kommt einerseits diese Aktivität, die Power, die Freude an der Bewegung? Was vernichtet andererseits die Energie, macht schwerfällig und phlegmatisch? Und welche Rolle spielen Stress und Überforderung?

Möglicherweise gibt das Autonome Nervensystem wertvolle Hinweise darauf, die gerade in der Pferdewelt noch viel zu wenig beachtet werden. Alle Säugetiere - also sowohl wir Menschen als auch unsere Pferde - haben ein Autonomes Nervensystem. Als Teil des zentralen Nervensystems steuert es alle Prozesse, die nicht dem Willen unterliegen, wie z.B. Herzschlag, Atmung, Verdauung. So bleiben wir am Leben, ohne jegliches bewusstes Zutun. Darum der Name: Autonomes Nervensystem, kurz ANS.

Der alte Hut: ANS mit zwei Zweigen

In der herkömmlichen Wissenschaft, Lehre und Literatur wird das ANS als zweigeteilt beschrieben. Die beiden Zweige, Sympathikus und Parasympathikus, sind zwei Gegenspieler von denen jeweils einer arbeitet und der andere inaktiv ist. Man spricht bei der Erregung des Sympathikus von dem Gaspedal des Körpers und beim Ruhezustand des Parasympathikus von der Bremse.

So ist der Sympathische Zweig des Nervensystems (SNS) für alle Prozesse zuständig, die den Körper aktivieren und dabei Energie verbrauchen. Auch wenn Gefahr oder Stress aufkommen, steuert er die Aktivierung bis hin zu Kampf- und Fluchtverhalten. Der Parasympathische Zweig des Nervensystems (PNS) ist sein Gegenspieler und sorgt für alle Funktionen, die der Beruhigung und Regeneration dienen. Dazu gehört das Entspannen der Muskulatur sowie Verdauung und Erholung.

Man kann diese beiden Zweige des eigenen ANS selbst erkunden: Nimmt man einem tiefen Atemzug, wird das SNS aktiviert und wir sind bereit loszuspurten. Das langsame Ausatmen hingegen regt das PNS an und wir entspannen. Durch gezieltes Atmen können wir Menschen unser ANS beeinflussen. Auch bei Pferden beobachtet man das tiefe Luftholen zur Aktivierung, z. B. beim Angaloppieren oder das Abschnauben als Zeichen der Entspannung. Herkömmlicherweise geht man davon aus, dass das autonome Nervensystem jeweils im Moment reagiert und seinen Zustand entsprechend kalibriert. Eine gebräuchliche Interpretation dieses Modells ist: Man kann nicht gleichzeitig gestresst und entspannt sein. Darüber hinaus etablierte sich die Annahme, dass ein bisschen Stress gut ist, aber zuviel Stress ist ungesund. Doch wieviel ist zuviel? Das lässt sich schwer sagen, man nimmt an, beide Systeme müssen sich abwechseln, um in Balance zu sein.

Dieses zweigeteilte Modell ist verbreitet, auch in der Pferdewelt. Es wird im Pferdesport von Trainern, Reitlehrern, Therapeuten, Sportpsychologen und Verhaltensforschern zugrunde gelegt. Damit wird argumentiert, um zu erklären, dass man das Pferd bloß keinem Stress aussetzen darf und es vor, während und nach einer aktivierenden Einheit unbedingt Entspannung braucht. Auch zur physiologischen Argumentation für die Dehnungshaltung und das Vorwärts-Abwärts wird dieses Modell nach wie vor herangezogen. Doch es ist längst überholt.

Der neue Look: ANS mit drei Zweigen

Bereits seit den 1990er Jahren hat der Neurowissenschaftler Dr. Stephen Porges bahnbrechende Forschungen zum autonomen Nervensystem bei Säugetieren durchgeführt. Seine Arbeit umfasste den Hauptakteur des PNS, den Vagusnerv. Er verläuft vom Hirnstamm durch Hals und Brustraum und führt hinunter zu den inneren Organen. Maßgebend für Porges‘ Forschung war, dass dieser Nerv selbst wiederum zwei Zweige hat. Damit definierte er für das ANS insgesamt drei Zweige: den aktivierenden Sympathikus und die beiden deaktivierenden Zweige des Parasympathikus, die er im dorsalen und ventralen Verlauf des Vagusnervs unterscheidet. Aufgrund dieser Mehrfachverzweigung kam es zu dem Namen „Polyvagal-Theorie“.

Porges geht davon aus, dass das Autonome Nervensystem diese insgesamt drei Zweige als Reaktionspfade nutzt, um drei grundlegende physiologische Zustände zu beschreiben. Dabei ist die Sicherheit der Situation und der Umgebung ausschlaggebend dafür, welcher Pfad beschritten wird.

Die Polyvagal-Theorie

Zugrunde liegt die Annahme, dass Säugetiere über die Fähigkeit verfügen, Sicherheit oder Gefahr zu erkennen. Porges bezeichnet dies als Neurozeption. Es ist ein Vorgang, in dem das ANS sowohl Signale aus der Umgebung als auch aus dem Körper (z.B. das sogenannte Bauchgefühl) verarbeitet, auf Erfahrungen zurückgreift, aber auch auf Artgenossen reagiert. So scannen Pferde permanent die Umgebung auf Informationen. Abhängig davon, welche Hinweise aufgenommen werden, kommt es zu entsprechenden Reaktionen.

Porges schreibt: „Bei Säugetieren entwickelte sich ein hierarchisch organisiertes, regulierend wirkendes Streßreaktionssystem, das nicht nur auf dem wohlbekannt sympatho-adrenalen Aktivierungssystem und dem parasympathischen inhibitorischen Vagussystem beruht. Vielmehr werden diese Systeme außerdem durch den myelinisierten Vagus und die den Gesichtsausdruck steuernden Kranialnerven beeinflusst, die zusammen das System Soziales Engagement bilden. Die Entwicklung der Selbstregulation beginnt als phylogenetisch mit der Herausbildung eines primitiven behavioralen Hemmungssystems, sie setzt sich in der Entwicklung eines Kampf-Flucht-Systems fort, und sie gipfelt beim Menschen (und bei anderen hoch entwickelten Säugetieren, Anm. d. Autors:) in der Entstehung eines komplexen (…) Systems Soziales Engagement.“

Die drei Pfade und ihre Reaktionsmuster sind

Grün: soziale Interaktion (Systems Soziales Engagement)

Eine Veränderung wird wahrgenommen und auch dem Umfeld signalisiert. Hilfe oder Unterstützung werden durch soziale Interaktion eingefordert und man reguliert sich gegenseitig durch Nähe oder auch Beschwichtigung. Die Herzfrequenz ist niedrig, die Atmung normal. Der Speichelfluss ist stimuliert und der Muskeltonus ist schwach. Die Pferde interagieren ruhig, grasen, betreiben Fellpflege. Hier ist der Ventrale Vaguskomplex (VVK) aktiv und wirkt wie eine sanfte Bremse auf die anderen beiden Zweige des ANS.

Gelb: Mobilisierung

Diese Reaktion bedeutet Aktivierung. Das SNS springt an und bringt Erregung. Bei den Pferden setzt Bewegung ein, sie laufen, springen, wilderes Spiel findet statt. Die Schritte werden ausholender und aktiver. Herzschlag und Muskeltonus sind erhöht, aber ebenso die Schmerztoleranz. Die Atmung wird tiefer. Je nach Intensität und Interpretation der wahrgenommenen Reize reicht dieses Verhalten von Aktivierung und Bewegungsfreude bis hin zu Flucht oder Kampf. Hier ist das Sympathische Nervensystem aktiv und wirkt wie ein Gaspedal.

Rot: Immobilität

Nimmt die Gefahr weiter zu, sind Flucht oder Kampf aussichtslos. Darum werden alle Aktivitäten heruntergefahren. Die Immobilisation wird eingeleitet. Das Herz schlägt langsamer, die Atmung ist flach und der Muskeltonus niedrig. Um Energie zu sparen oder keinen Schmerz mehr zu empfinden, steigert sich diese Reaktion bis zum Totstellen. Das Pferd erscheint matt, leblos, es macht sich fest oder steht wie versteinert. Hier dominiert der Dorsale Vaguskomplex (DVK). Das System ist erstarrt oder kollabiert. Das ist die Notbremse.

Instinktiv werden diese Reaktionen in einer bestimmten Reihenfolge aktiviert, die ihrer evolutionären Entwicklung im Gehirn entspricht. So reagieren Pferde, wie alle Säugetiere auf einen äußeren Reiz, indem sie zunächst ihre Strategien der sozialen Interaktion anwenden. Sie orientieren sich am Reiter oder an der Herde, suchen Kontakt, Hilfe, Unterstützung und kommunizieren auf ihre Art. Haben sie damit keinen Erfolg oder besteht eine unmittelbare Bedrohung, kommt die evolutionär ältere Reaktion zum Einsatz: Flucht oder Kampf, um sich selbst in Sicherheit zu bringen. Schlägt auch das fehl, folgt die primitivste Reaktion des Totstellens oder der Erstarrung, wie ein Reptil.

Sicherheit oder Gefahr

Idealerweise pendeln Säugetiere zwischen dem grünen und dem gelben Bereich. Man kann sich das ANS vorstellen wie den Kutscher einer Troika. Er hält die Zügel seiner drei Pferde fest in den Händen. Er dirigiert sie ans Ziel und dabei lässt er die Pferde mal schneller, mal langsamer laufen. Mal muss er eines ein bisschen antreiben, mal eines ein wenig bremsen. Aber er behält immer die Kontrolle über ihre Aktivitäten und lässt keinen Zügel während der Fahrt los. Das ANS nutzt, genauso wie der Kutscher, die Zweige des SNS, VVK und DVK zur Steuerung. Dabei sind immer alle aktiv, jeweils mal mehr und mal weniger. Und im Falle des Falles, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht, wird die Notbremse gezogen.

Das zentrale Element der Polyvagal-Theorie ist die Wahrnehmung von Sicherheit und Gefahr. So scannen Säugetiere ihre Umgebung permanent ab und mit Hilfe ihrer Neurozeption signalisiert das ANS dann Sicherheit (grün), Belastung und Gefahr (gelb) oder Lebensgefahr (rot). Eigentlich wirken die Zweige des autonomen Nervensystems gleichzeitig – aber jeweils unterschiedlich stark ausgeprägt. In Sicherheit kann sich das parasympathische System gut regulieren, beide Zweige des PNS arbeiten zusammen. Der VVK dominiert den DVK und drosselt dessen Aktivität, das nennt man „Vagusbremse“. Alles ist im grünen Bereich, wie man so schön sagt. Taucht dann eine Gefahr auf, setzt Angst ein und es folgen defensive Reaktionen, um das Überleben zu sichern. Bei Pferden untereinander kennen wir es als Gruppen- oder Herdendynamik. Ist ein Pferd übererregt, steckt es die anderen an. Im Kontext der Evolution betrachtet, macht das Sinn: signalisiert ein Herdenmitglied Gefahr, wäre es nicht schlau, zu warten, bis jedes einzelne Herdenmitglied die Bedrohung selbst sieht - da könnte es längst zu spät sein. Also sind alle gemeinsam auf der Flucht. Nimmt die Gefahr weiter zu, wird sie zur Lebensgefahr. Das Pferd kann nicht mehr, wird „starr vor Angst“ und ist im sogenannten „roten Bereich“. Jedoch haben Säugetiere auch die Fähigkeit, sich einem niedrigeren Erregungsniveau anzupassen. Jedoch nur wenn sie das andere Individuum als souveräner ansehen, dann können sie sich in dessen „grünen Bereich“ herunterregulieren. Diese Rolle des souveränen Individuums wäre unsere, als Reiter oder Trainer.

Im Pferdetraining geht es nicht darum, Stress durchgehend zu vermeiden. Vielmehr geht es darum die Grenzen auszutesten. Bleibt man nur im grünen Bereich, bleibt man auch in der Komfortzone. Training hingegen findet im gelben Bereich der Aktivierung und Mobilisierung statt – jedoch ohne Angst und Überforderung. Weiterentwicklung ist nur möglich, wenn man sachte an den Grenzen arbeitet, Verspannungen löst, Mobilität erweitert - ohne eine Bedrohung auszulösen. Manche Pferdefreunde interpretieren jedes Anzeichen von Aktivierung als Stress und deuten es als Schmerz, Überforderung oder Verwirrung. Sie raten, all das zu vermeiden und empfehlen die „Herunterregulierung“ in den grünen Bereich. Das ist nicht generell falsch, basiert jedoch auf einem eingeschränkten Verständnis des ANS. Es sollte nicht darum gehen, jede Art von Aktivierung zu vermeiden, da nicht jede Mobilisierung des SNS das Nervensystem schädigt. Die Grenze zwischen Sicherheit und Gefahr ist das Zünglein an der Waage. Verbleibt man durchwegs im grünen Bereich, ignoriert man, dass ein Zuviel an Entspannung auch zu Immobilität und damit in den roten Bereich führen kann. Man kann sich auch zu Tode langweilen – auch als Pferd.

Polyvagal und Vertikal

Durch die Polyvagale Brille betrachtet, ist es beim „Vertikalen Reiten“ so: Man beginnt mit den Flexionen und der Mobilisation. Dadurch wird das Pferd aktiviert, das SNS springt an. Das Pferd setzt seine Schritte, bewegt seinen Körper. Aber es ist dabei nicht angespannt und schon gar nicht verspannt. Es ist dieses feine Spiel von Aktivierung und Entspannung, von SNS und VVK im grünen Bereich. Klar im Kopf und in Verbindung mit dem Reiter sieht es aus wie ein Tanz. Das Pferd spielt mit seiner Mimik, der Speichelfluss ist angeregt, die Bewegungen werden agiler, der Muskeltonus steigt an. Als Beobachter nimmt man ein Strahlen wahr. Alles im Flow. Dann fordert der Reiter ein bisschen mehr, testet die Grenzen aus. Ein bisschen Piaffe hier, ein wenig Passage da, ein fliegender Wechsel, eine Pirouette. Ein bisschen mehr Zügel oder ein bisschen mehr Bein. Das SNS ist im gelben Bereich, das Pferd ist aktiv(iert). Es bewegt sich voller Power, man sieht die Energie förmlich sprühen. Das Pferd brilliert und gibt in jeder Lektion ein bisschen mehr, Entwicklung findet statt. Bildlich gesprochen, ist das Gaspedal durchgedrückt, der Motor läuft auf Hochtouren. Atmung und Herzschlag sind schnell, der Muskeltonus ist hoch.

Dann Stopp. Keinesfalls zu viel. Es ist eine reiterliche Kompetenz, zu wissen, zu fühlen, wo Schluss ist: Dort, wo der gelbe Bereich in den roten übergeht. Man arbeitet keinesfalls so tief im gelben Bereich, dass das Pferd Flucht- oder Kampfreaktionen zeigt und schon gar nichtdarüber hinaus im roten Bereich, den das Pferd als lebensgefährlich betrachtet. Würde man weiterhin fest aufs Gaspedal drücken, wird das ANS die Notbremse ziehen und der DVK übernimmt. Das kann man sich ungefähr so vorstellen, als hätte man gleichzeitig mit voller Wucht auf Gaspedal und Bremse getreten. Der Motor heult auf und stirbt ab. Nichts geht mehr.

Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass kein Reiter sein Pferd in derartig gefühlte Gefahr bringen möchte, dass ihm nur noch Flucht- oder Kampfreaktionen bleiben, geschweige denn in Situationen die das Pferd als lebensbedrohlich empfindet. Trotzdem kann es geschehen; aus Unwissenheit oder Ehrgeiz, aus Versehen oder durch Einflüsse von außen. So kann es passieren, dass ein Pferd dann in diesem Zustand stecken bleibt. Da ist sein SNS möglicherweise so aktiviert, dass es permanent durchgeht oder buckelt. Oder sein DVK kann die Notbremse nicht mehr lösen und das Pferd bleibt immobil, kann die Füße nicht mehr richtig setzten, den Körper nicht mehr richtig bewegen. Das ANS ist kollabiert und das Pferd ist zum Problempferd geworden.

Es ist wichtig, dass Reiter und Pferdetrainer die Reaktionen des Pferdes richtig einschätzen können. Es ist wichtig, dass sie erkennen können, wann sich das Pferd bedroht fühlt. Denn dann kann es nicht sinnvoll interagieren, sondern greift stattdessen auf primitivere Kampf- oder Fluchtverhaltensweisen zurück.

Reiten in Balance

Ich habe Manuel Jorge de Oliveira gefragt, ob das autonome Nervensystem für ihn in der Arbeit mit Pferden eine Rolle spielt. „Die Mobilisierung bewirkt Aktivität“, sagt er sofort, „wohingegen das Reiten im Vorwärts-Abwärts Passivität bewirkt. Dabei ermüdet das Pferd.“ Genau so ist es.

Er wendet dieses Wissen einfach an. Er ist in Verbindung mit jedem Pferd, mit dem er arbeitet. Er nimmt den Zustand des Pferdes wahr und weiß genau, wieviel Aktivierung und wieviel Entspannung es braucht. Mit feinen Justierungen mobilisiert er das Immobile. Mit feiner reiterlicher Einwirkung, wohldosierter Atmung, einem Pfiff oder ein paar Fado-Tönen mildert er die Überaktivierung und lenkt die Bewegungen des Pferdes in geordnete Bahnen. Die Pferde sind mit ihm in Interaktion, sie synchronisieren sich, Balance entsteht. Und dann, nach einer anspruchsvollen Lektion und am Ende der Einheit sagt er: „Let him rest.“ Erlaube dem Pferd sich zu entspannen.

Der beschriebene Reiz-Reaktions-Zyklus des ANS ist Teil seiner täglichen Arbeit. In diesem Zusammenhang empfehle ich diese Kapitel zu lesen: „Die Individualität Ihres Pferdes“ (Vertikal 1, Seite 18 ff.), „When your Horse is in Trouble, give him Freedom!“ (Vertikal 2, Seite 88 ff.) und „Eine falsche Arbeitsmentalität“ (Vertikal 3, Seite 278 ff.)

Auch wenn Manuel Jorge de Oliveira selbst seine Pferde niemals im roten Bereich trainiert, so kennt er diesen doch. „We call it: the horse stuck. It stopped, it can’t move.“ Das Pferd kann sich nicht richtig bewegen, ist immobil, Vor- und Hinterhand scheinen nicht in Verbindung zu sein. Dann sagt er oft: „The horse is like death.“ Das Pferd reagiert nicht mehr und hat (sich) aufgegeben. Wenn er solche Pferde zur Korrektur bekommt, beginnt er bei null: Mit Mobilisierung.

Aus Sicht des Nervensystems ist Mobilisierung etwas Gutes: wohltuend, gesund und zugleich beruhigend. Wenn wir als Reiter dem Pferd Bewegungen abverlangen, die im Rahmen der Sicherheit bleiben, helfen wir ihm, seinen Bewegungsdrang auszuleben, dabei Spannungen wahrzunehmen und abzubauen. Das Pferd wird dann über klare Signale wie Abschnauben, Seufzen, Lecken und Kauen oder Gähnen mitteilen, dass es von einem aktivierten SNS Zustand in den grünen Bereich übergeht.

Beispiele aus der Praxis

Im gelben Bereich ist man, wenn man aktiv mit dem Pferd arbeitet, es mobilisiert und so trainiert, dass es sich weiterentwickelt. Wenn man es gut macht, fühlt sich das Pferd dabei in Sicherheit. Doch bereits, wenn es nicht in Takt und Balance laufen kann, ist die Grenze erreicht. Meist wird es versuchen, seinem Gewicht davonzurennen und ist dadurch hochaktiviert. Es läuft übereilt, ist am Durchgehen und zeigt auf diese Weise eine Fluchtreaktion.

Im roten Bereich kann sich ein Pferd befinden, das nur langsam dahinschleicht oder wenn das Tempo nur durch reiterliche Hilfen aufrechterhalten werden kann. Verhält es sich apathisch, zeigt es ebenfalls eine defensive Verteidigungsreaktion. Treten andauernde Lahmheiten ohne medizinischen Befund auf, sollte man sich fragen, ob diese Immobilität möglicherweise eine Reaktion des Nervensystems ist. Auch die Trageerschöpfung kann, neben muskulären und anatomischen Ursachen, eine Folge davon sein, dass sich das Pferd zu lange im gelben Bereich der Aktivierung befand und das Nervensystem nun mit Immobilität reagiert. Und das Dehnen im Vorwärts-Abwärts kann ein Moment im roten Bereich sein - zur Entspannung und Regeneration, aber niemals eine aktive Reitweise oder Trainingshaltung. Es widerspricht sich einfach.

Komplett im roten Bereich ist das stoische Pferd, das wie festbetoniert vor dem Pferdehänger steht. Nun helfen weder gutes Zureden noch Gerten oder Besen. Es steht da wie festgefroren, hat irgendwie abgeschaltet und lässt keinerlei äußere Reize mehr an sich heran. In diese Kategorie fallen auch Pferde, die mit erlernter Hilflosigkeit reagieren oder durch sogenanntes Dominanz-Training gebrochen wurden.

Dass Pauschalmethoden dann manchmal ein wenig helfen können, ist oberflächlich. Man könnte ein über-aktiviertes Pferd in die Dehnungshaltung und damit in eine kurzfristige, äußerliche Entspannung zwingen. Ebenso könnte man ein immobiles Pferd durch Herumscheuchen zu einer kurzfristigen, oberflächlichen Bewegung drillen. Damit setzt man die Energie frei, die sozusagen im Nervensystem feststeckt, doch es wird sich nicht nachhaltig verändern. Die Gefahr besteht darin, dass diese schablonenhaften Methoden in einen endlosen Teufelskreis münden und man permanent die selbe Szene reinszeniert. Die Kunst der Problempferde-Korrektur besteht darin, das Pferd überhaupt wieder in den grünen Bereich zu bekommen. Im normalen Pferdealltag bedeutet die Polyvagal-Theorie, das Pferd in der Arbeit so weit zu aktivieren, dass es zwischen grünem und gelbem Bereich pendelt ohne Verteidigungsreaktionen zu zeigen. Die individuelle Grenze des Pferdes zwischen Sicherheit und Gefahr ist ebenso seine Grenze für Druck, Stress und Belastbarkeit.

Doris Semmelmann
Magazin Piaffe 2/2020

Workshop: Nerven behalten für Pferd und Reiter mit Manuel Jorge de Oliveira und Doris Semmelmann als Aufzeichung erhhältlich im Online-Shop

https://wu-wei-shop.de/Veranstaltungen/Workshop-POLYVAGAL-Theorie-MJO-DS-04-04-2021.html

Bitte keine Lobhudelei

Magazin Piaffe 2/2019

„Loben nicht vergessen!“, diesen Satz kennen viele aus den ersten Reitstunden. Klopfen, tätscheln, kraulen, knuddeln oder „Priiiima!“ – es gibt verschiedenste Möglichkeiten, einem Pferd mitzuteilen, dass es etwas gut gemacht hat. Wir haben die Methode zu loben im Reitunterricht gelernt oder von anderen abgeschaut, vielleicht ist das Lob auch intuitiv oder aus dem zwischenmenschlichen Bereich übertragen. Auf ganz unterschiedliche Weise kommen diese Bekundungen dann bei den Pferden an. Manche werden naturgemäß verstanden, manche machen nur bei richtiger Anwendung Sinn. Und für alle gilt: Bewusst eingesetzt und nicht gehudelt, bewirken sie eine engere Verbindung zum Pferd.

 

Eins gleich vorweg: Das kraftvolle Klopfen auf den Hals, das man vor allem im Pferdesport so oft sieht, sollte man sich sparen. Es bringt nichts. Es hat keine Entsprechung in der Natur oder der Kommunikation von Pferden untereinander. Es kommt aus dem militärischen Umfeld oder ist vom menschlichen „Auf-die-Schulter-klopfen“ übertragen. Das bedeutet, Pferde müssen erst lernen, dass diese rüde Geste etwas Positives bedeuten soll. Bedenkt man, dass ein Pferd spüren kann, wenn eine Fliege auf seinem Fell landet – wie mag sich dann im Vergleich dieses deftige Draufhauen auf Hals, Schulter oder Kruppe anfühlen?

Vom Grand Prix bis zum ländlichen Reitplatz kann man es aber dennoch sehen: Wer mit dem Pferd zufrieden ist, schlägt kräftig auf den Hals des Pferdes ein. Dass die erfolgreichen Sportreiter das Halsklopfen so praktizieren, führt zu einem für die Pferde unangenehmen Nachahmungseffekt bei vielen Reitern. Völlig arglos wird es praktiziert und hat sich international sogar als „German Touch“ einen Namen gemacht. Die Pferde erdulden diese seltsame Belobigung, manchmal ist ein Abwehrverhalten erkennbar. Eine positive Rückmeldung der Pferde kann man nicht feststellen. Manche verstehen vielmehr, dass die Arbeit nun beendet ist.

(...)

Nur nicht hudeln  

Neben dem richtigen Timing ist auch die richtige Dosis von Lob ein wichtiger Faktor. Nach dem Motto: „Nicht geschimpft ist genug gelobt!“ nimmt man viele Leistungen des Pferdes reaktionslos an. Die Einstellung: „Ach, das kann der doch“, ist nicht nur unaufmerksam, sondern sogar respektlos gegenüber dem Pferd. Hat es etwas gut gemacht, bedarf es einer positiven Reaktion! Dem Richtigen sollte man keinesfalls weniger Aufmerksamkeit widmen als dem Falschen oder der Korrektur. Ein kleines Streicheln, ein zufriedenes „danke“ oder „brav“ zeigt nicht nur Anerkennung, sondern vermittelt auch ein entspanntes, freudiges Gefühl - und dieses nimmt das Pferd prompt wahr.

Die eigenen Emotionen übertragen sich in sekundenschnelle auf das Pferd, egal ob wir versuchen sie auszudrücken oder nicht. Gemeinsam mit dem Pferd in Harmonie schwelgen, davon träumen wohl alle Reiter. Dafür sollte man jedoch zuerst hinterfragen, welchem Leistungsdruck man sein Pferd aussetzt. Überwiegen die positiven Erlebnisse in der gemeinsamen Arbeit? Empfindet das Pferd diese ebenso? Ist man in der Lage, sich gemeinsam dem Moment hinzugeben und zu genießen, dass eine Lektion geglückt ist?

Jeder Reiter kennt auch die Kehrseite der Medaille: die Situation, in der man Reitschüler ist. Welchen Unterschied es macht, ob der Reitlehrer zugewandt, aufmerksam und wertschätzend bestätigt, wenn etwas gut läuft – oder mürrisch aus der Ecke „weiter so“ murmelt. Ebenso geht es dem Pferd mit uns als Reiter. Der wundervolle gemeinsame Moment, der uns ein Lächeln auf die Lippen zaubert, beruht auf tiefer Verbundenheit. Dazu muss man sich aufeinander einlassen, Signale und Stimmungen wahrnehmen und so darauf reagieren, dass der andere versteht. Nehmen Sie sich die Zeit, herauszufinden, welches Lob Ihr Pferd gerne mag, motivierend oder beruhigend findet. Es werden weder große Gesten noch laute Worte sein. Es ist eine Investition in gegenseitiges Verständnis und Harmonie. Wenn Manuel Jorge de Oliveira die Hände hinter dem Rücken verschränkt und leise, tief und langgezogen „Exxxaaakt“ sagt, dann wissen sowohl als Reiter als auch als Pferd, dass sie etwas gut gemacht haben.

Doris Semmelmann

Druck erzeugt Gegendruck

Magazin Piaffe 2/2019

Haben Sie schon einmal versucht ein Pferd beiseite zu schieben? Am Putzplatz, beim Hufschmied oder auch nur, wenn es irgendwo im Weg steht? Vermutlich hat es nicht funktioniert. Vermutlich hat sich das Pferd mit viel Kraft dem Druck entgegengestellt. Es hat seinen Schwerpunkt verlagert und keinen Millimeter nachgegeben. „Druck erzeugt eben Gegendruck“ sagt man sich dann.

Dieses Phänomen kann uns die Evolution wunderbar erklären. Zu Urzeiten, als die Pferde noch in der freien Wildbahn lebten, waren Raubtiere ihre Fressfeinde. Deren Angriff zielte gewöhnlich auf die weiche Stelle des Pferdekörpers ab, zwischen Rippen und Hüfte. Dort können sich Raubtierzähne bestens verbeißen und großen Schaden anrichten. Würde das Pferd nun also weichen und wegrennen, nachdem das Raubtier zugebissen hat, bräuchte dieses nur festhalten, denn durch sein Weglaufen würde das Pferd selbst dazu beitragen, dass die dünnen Gewebeschichten dieser Körperpartie reißen und es hätte ein Loch in der Bauchwand. Damit wäre das Pferd in der Wildnis so gut wie tot. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Pferd überlebt ist viel größer, wenn es sich dem zubeißenden Raubtier abrupt entgegenwirft und dann mit allen Mitteln kämpft. In diesem Moment wird das Raubtier seine Zähne auseinandernehmen und das Pferd hätte schlimmstenfalls eine Bisswunde – aber dadurch kein klaffendes Loch. Über Jahrmillionen haben eben die Tiere überlebt, die gegendrücken, währenddessen die ausgestorben sind, die dem Druck nachgegeben haben oder davongelaufen sind. Und dieses Wissen sitzt als Instinkt noch immer in ihren Köpfen, Genen oder wo auch immer.

Auch im übertragenen Sinne mag es kein Mensch leiden, wenn Druck auf ihn ausgeübt wird. Dem Druck zu weichen wäre eine Möglichkeit, doch das tun wir genauso ungern wie die Pferde. Nachgeben kann man nie in seiner ganzen Größe, nie mit Begeisterung, nie motiviert – sondern vielmehr mit einem Gefühl des Unterlegen seins, Kapitulierens, Resignierens. Wir alle kennen dieses Gefühl selbst und doch fallen wir immer wieder darauf herein. „Dem musst du mal richtig Druck machen!“ geben oder bekommen wir als wohlgemeinten Ratschlag. Wir glauben „viel hilft viel“ - also durch Verstärkung von Input wie Worten, Energie, Hilfen oder Einflussnahme, auch mehr Output, also das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Kennen Sie ein Beispiel, wo das tatsächlich geklappt hat? Ohne Folgeschäden? Dann lassen Sie es mich unbedingt wissen, ich kenne nämlich keins.

Das Pferd, das in der Stallgasse im Weg steht, wird nicht eher weichen, wenn Sie mehr drücken. Auch beim Reiten oder im Training wird mehr Druck nicht zu besseren Ergebnissen führen. Im Falle der negativen Verstärkung ist es sogar grundlegend, dass der Druck sofort aufhört, wenn das Pferd nur eine Mikrobewegung in die richtige Richtung macht.

Genauso ist es im zwischenmenschlichen Bereich. Die meisten Menschen fühlen sich bei Druck absolut überfordert und in die Enge getrieben. Und dann passiert es eben, dass wir langsamer werden, wenn jemand nachdrücklich auf die Erledigung einer Aufgabe drängt. Dass wir schon aus Prinzip dagegen sind, wenn jemand auf etwas beharrt. Dass wir unverbindlicher werden,  wenn jemand hartnäckig ein Ziel verfolgt oder dass wir einfach nicht nachgeben wollen, wenn der andere nicht lockerlässt. Das Druck-erzeugt-Gegendruck-Phänomen sitzt uns genauso in den Genen, wie den Pferden. Wir haben es verinnerlicht und wenden es auch subtil an, indem wir zum Beispiel einfach gestresst gucken, wenn uns jemand antreibt oder mehr aufbürdet. Gestresst gucken bedeutet nämlich noch lange nicht, dass jemand auch tatsächlich gestresst ist. So zeigt eine Studie, dass Arbeitnehmer im Alter zwischen 18 und 34 gerne einmal Stress vortäuschen, um dem Leistungsdruck standzuhalten. Andere quasseln, jammern oder werden hysterisch. „Head down and deliver“ ist ein Slogan der Knechtschaft mancher Unternehmensberatungen, die Rollkur des Business sozusagen, aber schneller bessere Ergebnisse hat dies ebensowenig hervorgebracht.

Besser oder schneller ist kein Resultat von Druck

Pferdetrainer seit jeher waren mit der Aufgabe konfrontiert das Gegendruck Phänomen zu händeln. Bereits Xenophon erklärte in seiner ersten Schrift über die Reitkunst: „Das Pferd wird den Zaum eher annehmen, wenn man ihm danach etwas Gutes angedeihen lässt. Es wird über Gräben setzen, herausspringen und, kurz, alles andere williger ausführen, wenn ihm nach der Ausführung des Befehls Lob und Ruhe zuteilwird.“ Und dieses Wissen sollte sich in unseren Führungsetagen verbreiten: Wer auf einen anderen einwirkt, muss im rechten Moment auch wieder nachlassen, um das Gewünschte zu erreichen. Lob und Ruhe sind auch für Mitarbeiter ein Motivationselement. Gute Führungskräfte achten auf perfektes Timing und nehmen den Druck sofort weg, wenn der Andere nur ansetzt das Richtige zu tun – egal ob der Andere nun ein Pferd oder ein Mensch ist.

Doris Semmelmann

Die Przewalski-Pferde in der Döberitzer Heide

Magazin Piaffe 1/2019

In einem einmaligen Wildnisgroßprojekt unmittelbar vor den Toren von Berlin und Potsdam hat die Heinz Sielmann Stiftung auf dem früheren Truppenübungsplatz „Döberitz“ einige fast ausgestorbene Wildtierarten angesiedelt. Auf etwa 3600 Hektar leben heute 24 Przewalski-Pferde gemeinsam mit Wisenten und Rothirschen in „Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide“. Wisent und Przewalski-Pferd galten im 20. Jahrhundert als fast ausgestorben. Lediglich ein paar Tiere gab es noch in Zoos und Gehegen.

Wir fahren in die „Wildniskernzone“, dem 1850 Hektar umfassenden inneren Teil des Naturschutzgebietes. Der Bereich ist doppelt umzäunt und kameraüberwacht, die Tore fest verschlossen. Das Areal ist für Besucher normalerweise nicht zugänglich. Lange sandige Wege des ehemaligen Militärgeländes durchziehen dichten oder lichten Wald und freie Flächen, man sieht alte Panzergräben und Krater. Die dort lebenden Tiere können sich frei bewegen, sie tragen keine Sender. Es bedarf also einer Portion Glück, sie anzutreffen. Auf der Suche nach den Przewalski-Pferden steuern wir die erste Wasserstelle an. In große, gemauerte Becken wird an mehreren Orten im weitläufigen Gelände Grundwasser mit Solarpumpen heraufgepumpt, so dass alle Bewohner der Wildniskernzone zu trinken haben. Doch diese Wasserstelle wirkt verlassen. Die Spuren im trockenen Sand geben keine Hinweise ob hier kürzlich jemand seinen Durst gestillt hat. Eigentlich wollen wir weiterfahren, als wir leises Knacken unter den Bäumen vernehmen.

(...)

Rast mit wildlebenden Pferden

Przewalski-Wallach Lex und seinen kleinen Harem treffen wir wieder an einem sandigen Fahrweg in der Wildniskernzone. Sie sind nicht in Eile, doch machen sie den Anschein, als hätten sie etwas vor. Sie überqueren zielstrebig den Weg und verschwinden im lichten Wald zwischen den Bäumen. Wir fahren weiter auf dem Weg, umrunden den Wald und erreichen eine ausgedehnte Ebene nahe dem Ferbitzer Bruch, die „Wüste“ genannt wird. Es ist ein weites, offenes Gebiet mit sandigem Boden und geringer Vegetation. In der Mitte etwa befindet sich eine große Sandkuhle, die von den Pferden gerne aufgesucht wird. An den verfallenen Überresten eines alten Bunkers halten wir an und packen unsere Pausenbrote aus. Und tatsächlich geschieht das, was wir kaum zu hoffen wagten. Fast unmerklich taucht die kleine Herde auf dieser Seite des Waldes wieder auf. Farblich gut getarnt kommen sie langsam zwischen den Bäumen hervor und schlendern den Hang herunter. Natürlich haben sie uns längst gesehen, aber wir stellen wohl keine Gefahr dar. In kleinen Grüppchen und immer wieder grasend spazieren sie an uns vorbei. Die Leitstute steuert als erste die Sandkuhle an und positioniert sich dort. Ganz ohne Eile gesellen sich die andern nach und nach dazu. Sie stehen in einer Formation, es könnten angestammte Plätze sein und sie haben dabei die ganze Ebene auf dem Radar. So dösen sie langsam in ihrem Mittagsschlaf hinüber und halten Siesta.

Die Döberitzer Heide ist ein Mosaik von unterschiedlichsten Biotopen. Die in der Wildniskernzone lebenden Przewalski-Pferde tragen als große Pflanzenfresser neben Wisenten und Rothirschen maßgeblich zur Landschaftsentwicklung bei. Die Ringzone drumherum ist von Wander- und Reitwegen durchzogen und dient als Naturerlebnisraum der Region Berlin-Potsdam, es gibt Picknickplätze und einen Aussichtsturm. Besucher genießen die wilde Natur und mit etwas Glück kann man auch die Przewalski-Pferde erspähen.

Doris Semmelmann

The Beauty of Balance – Internationaler Workshop im Sparreholms Hästcenter, Schweden

The Beauty of Balance
Magazin Piaffe 2/2015

Balance begleitet uns in vielen Bereichen, nicht nur beim Reiten. Die Balance zwischen Einnahmen und Ausgaben, die innere Balance oder die vielzitierte Work-life-Balance – Balance ist ein Teil unseres Lebens. Und gerade beim Reiten ist Balance erlementar, darum ist sie das Thema des diesjährigen Internationalen Workshop auf Schloss Sparreholm in Schweden.

Doch so logisch es auch klingt, dass Pferd und Reiter in Balance sein muessen, so grundlegend ist es auch dass zuvor jeder von beiden seine eigen Balance gefunden haben muss, sowohl Pferd als auch Reiter. Fuer den Reiter, den Menschen heisst das, dass er sowohl seine körperliche als auch seine geistigen Balance finden muss. Ist der Reiter nicht in Balance, klappt das mit dem Reiten nicht, das hat jeder mehr oder weniger schon erlebt.

(...)

Die Balance fuer sich selbst, fuer sein Pferd und fuer beide gemeinsam zu finden ist die Herausforderung, der man sich nach diesem Input gerne stellen mag. Manchmal, so sagt Manuel Jorge de Oliveira, ist es auch ”the balance with the animal inside”. Ob er damit das erfolgsuchende Ego oder den inneren Schweinehund meint, weiss ich nicht so genau – aber vielleicht ist das auch sehr individuell zu beantworten.

Eingebettet in die herrliche Schwedische Landschaft und umrahmt von dem besonderen Charme von Schloss Sparreholm, ergänzt durch die unglaublich leckeren Menues der Schlosskueche und den herrlichen Gästezimmern ist dieser Internationale Workshop jedes Jahr ein Highlight.

Die Hummel

Manchmal wird es sehr ernst bei den Ponyhof-Workshops. So nenne ich die Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung mit Pferden als Co-Trainer, weil das Leben ja nun mal kein Ponyhof ist. Manchmal sind wir an einem Punkt, da hat ein Teilnehmer viel gearbeitet, hat sich getraut, sich eingelassen und angenommen, was die Pferde gezeigt und widergespiegelt haben. Und trotzdem, in der Reflexionsrunde macht sich ein Gefühl der Ratlosigkeit breit, es heißt „ja und?“ oder „ja, aber …“ und das Gefühl des Verstehens, die Erkenntnis oder die Klarheit wollen sich einfach nicht einstellen. Mit reden komme ich da nicht mehr weiter, das weiß ich, denn um etwas wirklich zu verinnerlichen müssen sich Herz und Verstand einig sein.

In solchen Situationen kommen mir dann manchmal andere zu Hilfe. Andere Tiere, die nicht als Co-Trainer eingeteilt oder eingeplant waren. So wie die Hummel.

Eine der Teilnehmerinnen im Workshop traut sich selbst wenig zu. Immer auf Harmonie bedacht, niemandem in ihrem Umfeld soll irgendetwas unangenehm sein, lieber steckt sie selbst zurück. Das erkennt sie auch, sieht es in der Videoanalyse, bestätigt auch das Feedback der anderen Teilnehmer. Doch alle möglichen Lösungsansätze erscheinen ihr unrealistisch, sie könnte es nicht umsetzen, weil sie es sich nicht vorstellen kann. Normalerweise verlässt sie sich auf ihre Intuition, erzählt sie, aber ein Beispiel dazu kann sie nicht erzählen, es fällt ihr keines ein. Wann hat eigentlich mal was geklappt? 

Während dieser Gesprächsrunde summt eine dicke Hummel hinter ihr am Fenster. Laut. Immer lauter, penetrant. Es stört. „Lasst sie mal raus“ sagt irgendwer. Es ist die Teilnehmerin um die es gerade geht, die auf die Bank klettert. Nicht die links oder rechts neben ihr an diesem Fenster sitzen. Nach Anweisung der Anderen nimmt sie die Gardinenstange ab, öffnet das Fenster und geleitet die Hummel sanft ins Freie.

Während ich ihr zugesehen habe, ist es mir plötzlich klar geworden. So ist es immer.
Als sie sich wieder hingesetzt hat, will sie zur Tagesordnung übergehen, aber ich unterbreche sie. „Was hast du gerade gemacht?“ frage ich. „Ich? Ähm … Nichts!? Keine Ahnung … “ Doch langsam fällt der Groschen. Bei allen. „Ich hätte mich das nicht getraut.“ sagt einer. „Ich hätte die mit einem Papier rausgescheucht.“ sagt jemand anderes. „So viel Geduld hätte ich nicht gehabt.“ fügt noch jemand hinzu. Wir helfen ihr, diesen Moment mit der Hummel im Gedächtnis zu behalten. Zu verankern, wie man, von seiner eigenen Intuition geleitet, ein klar vorgegebenes Ziel erreichen kann. Und ich bin mir sicher, dass keine Trainingsmethode, kein NLP-Anker, kein Brain-Gym und keine Wunsch-Visualisierung besser funktioniert hätten. Ich freue mich auf den Moment, wenn sie in naher Zukunft bei ihrem Chef oder ihren Kollegen etwas erreichen möchte und dabei an die Hummel denkt. Es wird klappen, da bin ich mir sicher.

Das Hummel Paradoxon erklärt ja, dass eine Hummel nach den Gesetzen der Aerodynamik nicht fliegen könne. Man sagt, die Fläche ihrer Flügel sei zu klein um ihr Gewicht zu tragen. Aber da die Hummel die Gesetze der Aerodynamik nicht kennt, fliegt sie trotzdem. Manchmal weiss man gar nicht genau was man tut und schon gar nicht wie man das macht. Wenn man darüber nachdenkt oder danach gefragt wird, kann man es nicht erklären und damit werden diese Fähigkeiten klein und unscheinbar. Kümmert man sich aber nicht um Erklärungen oder Argumente sondern vertraut darauf, dass man es kann, dann macht man es wie die Hummel. Und Vertrauen in sich selbst ist die elementare Grundlage für jedes Gelingen.

Danke, Hummel-Co-Trainerin, denke ich still, und genieße Du jetzt den restlichen Tag in Freiheit.

Beim Workshop "Das Leben ist kein Ponyhof" in Happach, Mai 2015
www.renn-pferde-boomerang.de

Foto: Caroline Hosmann, www.naturkinder.com

Pfadfinder-Geschichten

Es war ein klarer, klirrend kalter Wintertag. Die Sonne scheint und täuscht über die eisige Kälte hinweg. Perfekt für einen Ausritt mit Farah. Farah Diba, wie sie eigentlich heisst ist eine souveräne und selbstbewusste Schimmelstute. Wenn wir beide alleine unterwegs sind, ohne andere Pferde, dann lassen wir uns meistens treiben, nehmen die Wege wie sie kommen und reiten in dem Tempo, das uns grade passt. Wir nehmen also den Weg in den Wald. Dort ist es noch kälter und die Sonne berührt nur die obersten Baumwipfel. Pferde mögen es, wenn es kalt ist und ich mag diese ungetrübten Wintertage auch. Wir gehen ein Stück, es ist herrlich und der Kopf wird klar. Aber nach einiger Zeit frieren meine Finger und die Füße ebenfalls. Wir traben und galoppieren ein Stück, Farah schnaubt und geniest es, aber wirklich warm wird mir dabei nicht. Ich überlege kurz und steuere den Weg am Waldrand an, in der Hoffnung, dass dort noch ein bisschen Sonne ist. Irrtum, auch dort ist Schatten und man sieht die Sonne nur ganz oben. „Farah“; sage ich halblaut zu uns beiden „da sind wir heute irgendwie falsch gegangen. Die Runde über die Felder wäre besser gewesen, da wäre Sonne.“ Und ich denke daran, wie die Sonne auf das gefrorene Gras scheint, die Luft glitzert und wie da dann der Wald riecht. Wir biegen ab auf einen Rundweg, der eine schöne Galoppstrecke ist, um uns nochmal aufzuwärmen und dann den Rückweg anzutreten. Farah galoppiert. Aber ganz hinten auf dem Rundweg wird sie langsamer und plötzlich schlägt sie einen Haken und läuft direkt in den Wald. Als ich mich im Sattel wieder sortiert habe, erkenne ich, dass das ein alter, zugewachsener Weg ist. Moos wuchert, Äste liegen quer, hier ist schon lange niemand mehr gegangen. Ich mag solche Wege, die irgendwie verwunschen scheinen und sage wieder halblaut: „ok Farah, wenn du meinst… Wir werden schon sehen, wohin wir da kommen.“ Pferde haben einen untrüglichen Orientierungssinn und sie finden immer nach Hause, das hat gerade Farah schon oft bewiesen. Der Weg schlängelt sich durch den Wald. Mehrmals verliere ich ihn aus den Augen, denke schon er hat aufgehört, aber Farah ist sicher und findet immer wieder zielstrebig den Anschluss. Dann geht es auf einmal bergauf. Sie klettert hinauf und ich ahne dass sie genau weiss, wohin. Und dann ganz unvermutet stehen die Bäume weiter auseinander, Moos und Steine dazwischen und plötzlich sehe ich eine Lichtung, die im hellen warmen Sonnenschein liegt. Mir bleibt die Luft weg und ich muss blinzeln. Wir reiten direkt in die Sonne und genauso hatte ich mir diesen Winterausritt vorgestellt. Tränen steigen in meine Augen vor Freude darüber, dass Farah diesen Weg gefunden und mich herauf getragen hat und darüber dass sie auf unglaubliche Weise meine Gedanken und Wünsche versteht. Sie schlägt öfters mal einen Weg vor und es sind immer schöne Pfade, irgendwie besonders und immer in der richtigen Richtung. Und dabei bleiben wir nie im Dickicht stecken. Das passiert nur manchmal dann, wenn ich einen Weg ausprobieren möchte. Farah blinzelt dabei und zieht die Oberlippe hoch, denn sie weiss ja vorher schon ganz genau, dass dieser Weg nirgendwo hinführen wird und wir da wieder irgendwo im Gestrüpp enden.

Doris Semmelmann, 2010

If there are no horses in heaven

Dolly war ein großes, stattliches Pferd. Braun mit schwarzer Mähne schritt sie stolz durch ihr Pferdeleben. Als sie zu mir kam, war sie fast noch kindlich und manchmal schüchtern hinter ihrer Mutter, so sieht man es auf Fotos aus dieser Zeit. Aber sie ist gewachsen, wurde erwachsen und selbstbewusst. Immer vorne dran, präsent und hoch erhobenen Hauptes. Bis zu dem Tag im Herbst, als eine schlimme Kolik kam. Es war furchtbar. Zunehmend starke Schmerzen haben sie gequält, zweimal war der Tierarzt da, aber es wurde nicht besser und mitten in der Nacht habe ich sie in die Klinik transportiert. Sie hatte keine Kraft mehr sich auf den Beinen zu halten. Es war eine lange und schwierige Operation und nach dem Aufwachen war sie ein zitterndes, hilfloses Häufchen Elend. Aber sie wollte tapfer sein, kämpfen und wieder stolz den Reiter tragen. Doch die Nähte in ihrem Bauch haben nicht gehalten. Ich habe gemerkt, dass ihr Kopf immer mehr nach unten sank, langsam, über viele Stunden hinweg. Hatte sie mich vormittags noch mit Aufschauen begrüßt, stützte sie mittags die Nase auf meinem Bauch ab und am Abend hielt sie den Kopf nur noch tief über dem Boden. Zuerst hielt ich es für Erschöpfung und Müdigkeit, aber irgendwie ahnte ich, dass es etwas anderes war. Als mitten in der Nacht der Anruf der Klinik kam, sprang ich sofort ins Auto. Auf dem Weg dorthin ist mir nur eine Zeile eines Liedes aus dem Autoradio im Gedächtnis: „… if I saw you in heaven…“, da wusste ich, dass es zu Ende geht. Ich hab Dolly begleitet, ihren Kopf gehalten und sie gestreichelt, bis ihre Augen zufielen. Ich bin unendlich traurig, aber vor meinem inneren Auge sehe ich sie über eine grüne Wiese galoppieren, hoch erhobenen Hauptes, mit wehender Mähne und ich denke an den alten Spruch, der am Kühlschrank hängt: I f   t h e r e   a r e   n o   h o r s e s   i n   h e a v e n,   I  a i n ’ t   g o i n g  

Veröffentlicht im Buch „Wiedersehen im Paradies“ von Fred Rai im Nessos Verlag 2011 ISBN-13: 978-3934343214

und im Buch „Abschied nehmen – Trauer um ein geliebtes Tier. Ein Begleit- und Praxisbuch “ von Eva Dempewolf im Fred & Otto Verlag 2015 ISBN: 978-3-95693-012-6

und in „Ein Herz für Tiere“ Nr. 11, Nov. 2011, Seite 30 zum Thema Abschied