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Stutenbissigkeit

Natural Leadership: Stutenbissigkeit
Magazin Piaffe 2/2018

Pferde sind Herdentiere. Sie pflegen Sozialkontakte und Freundschaften. Doch manchmal herrscht Krieg. Die Stimmung ist geladen, man kann Frust und Aggression erkennen. Wie in jeder Gemeinschaft, müssen auch in der Pferdeherde Konflikte ausgetragen werden. Bei männlichen Pferden geht das meist zügig bis die Positionen klar sind und nicht selten folgt ein gemeinsames Spiel. Aber manchmal herrscht auch Zickenkrieg. Dann sind vorrangig weibliche Pferde beteiligt. Es regiert die Stutenbissigkeit.

Der Begriff Stutenbissigkeit beschreibt als Tiermetapher das weibliche Konfliktverhalten in einer Pferdeherde. Die Stuten drohen, zicken, beißen in die Luft oder auch mal in die Konkurrentin. Verfeindete Stuten werden keine Freundinnen mehr. Sie stellen sich gegenseitig in den Weg oder grenzen sich aus. Sie lassen die Rivalin nicht ans Futter oder Wasser. Sie drängeln, schubsen oder treten. Und natürlich konkurrieren sie um die Gunst des Hengstes.

Auch bei Frauen gibt es Stutenbissigkeit

„Meine Lieblingskollegin und ich waren bisher immer einer Meinung und schwammen auf derselben Wellenlänge. Wir haben uns auch persönlich gut verstanden und konnten so viele Neuigkeiten und Gerüchte austauschen. Eines Tages ging dann plötzlich irgendetwas schief.“ erzählt Anja Simon. Sie arbeitet im Management eines internationalen Konzerns.

Dabei sollte sie ihrer Kollegin bei einem Projekt nur unter die Arme greifen, solange es nötig war. So hatte es sich der Chef gewünscht. Und gleich zu Beginn wurde ausdrücklich betont, dass sie den Verantwortungsbereich der Kollegin nur auf Anweisung betrete und möglichst bald wieder verlassen möchte, sie hatte keinerlei weiterführende Ambitionen. „Aber die damalige Reaktion hat mich völlig überrascht“, schildert Anja Simon ihre Fassungslosigkeit. „Ich spürte direkt die Bisswunden an mir- und dann noch im Meeting vor den anderen Teilnehmern! Stutenbissig war das!“

Aber warum beißen moderne Geschäftsfrauen ihre Kolleginnen heute noch weg, wie Stuten in der Pferdeherde? Ist es immer noch der Kampf um die erste Stelle und das Vorrecht auf den Hengst? Ist es Neid oder das Einfordern von Anerkennung bei männlichen Kollegen? Tatsächlich sind Männer in der Akzeptanz von Frauen auf Topmanagement-Level oft viel weiter als die Frauen selbst. Der selbst auferlegte Druck, führt Frauen häufig zu Schwesternneid.

Dabei wissen alle hinlänglich, dass für ein Überleben einer besonderen Spezies (z.B. Frauen im oberen Management) eine gewisse kritische Masse erforderlich ist. Also wäre doch die gegenseitige Hilfe und Unterstützung mehr als angebracht, um diese gewisse kritische Masse zu erreichen. Stattdessen wird triebgesteuert gebissen, als würden wir noch in der Zeit der Säbelzahntiger leben. Und sehr oft geht es gar nicht um das sachliche Problem an sich, sondern vielmehr um das Zwischenmenschliche, Kommunikative, Beziehungstechnische oder Organisatorische.

Während der Kampf zwischen Hengsten ein Kräftemessen sein kann, Rang- oder Revierkämpfe sowie den Schutz des Stutenharems betrifft, werden Stutenkonflikte oft als kleinlich und divenhaft angesehen. Meist sind Männer weniger emotional und Frauen empfindsamer, egal ob Mensch oder Pferd. Doch während eine Schlacht unter Männern gesellschaftsfähig ist und Konkurrenz das Geschäft belebt, sind offene Konflikte zwischen Frauen bis heute gesellschaftlich tabu. Hier werden sofort Neid, Eifersucht, und Intrigen hineininterpretiert.

Und genau darum ist Stutenbissigkeit so kontraproduktiv! Gerade weil Frauen untereinander auf gegenseitige Unterstützung angewiesen sind, im Job, im Management und bei der Aufzucht der Fohlen in der Herde, ist es so schwierig einen offenen Kampf auszutragen. Und der offene Kampf ist zudem riskant, nicht zuletzt wegen der persönlichen Verletzungsgefahr. Souveräne Stuten machen es vor: es ist nicht sinnvoll, auf die gleiche Weise zurück zu schießen. Am besten ist es meist, ruhig zu bleiben und gelassen zu reagieren. Oft verläuft die Attacke dadurch im Sande. Aber keineswegs darf man sich alles gefallen lassen. Sind die Angriffe beleidigend, gehen unter die Gürtellinie, schaden nachhaltig oder sind sogar handgreiflich – dann muss man sich mit allen Mitteln wehren.

In der Pferdeherde ist es so, dass je höher die Tiere in der Rangordnung sind, desto subtiler gekämpft wird. Während es auf den unteren Rängen richtig hart zur Sache gehen kann und üble körperliche Verletzungen nach sich zieht, verändert sich das mit zunehmendem Aufstieg in der Hierarchie. Hochrangige Tiere sind wichtig für die Herde und sollen nicht durch körperliche Blessuren gehandicapt sein. Also kämpft man raffinierter. Die Bisse der Stuten können sehr schmerzhaft sein, manchmal gehen sie aber geflissentlich am Ziel vorbei in die Luft. Dann kann man nämlich immer sagen „Es war doch nichts! Was hat sie denn? Warum stellt sie sich denn so an? Ist die aber empfindlich …“

Stuten und Frauen kämpfen subtil

Eine Frau kann einer anderen nur schwer eine öffentliche Niederlage zufügen. Die weiblichen Werte von Gemeinschaft und Empathie verwehren das. Unwürdig und kleinlich, peinlich wäre es zudem. Frauen kämpfen eigentlich nicht gern, weder untereinander und auch nicht gegen Männer. Wenn sie das Spiel aber nicht mitspielen, kommen sie fachlich oft nicht weiter. Denn Männer sehen den Kampf als Kräftemessen, Revier verteidigen oder gar Ansporn, Sieger und Unterlegener trinken dann hinterher ein Bier zusammen. Wenn sich Frauen bekämpft haben, gibt es nur ganz selten wieder eine Versöhnung oder einen Schulterschluss.

Ein Sprichwort unter Pferdeleuten lautet: tell it to a gelding, ask a stallion and discuss with a mare – also einem Wallach kann man etwas anschaffen, einen Hengst muss man fragen und mit einer Stute immer diskutieren. Dabei geht es um das feine austarieren der Existenz nebeneinander. Stuten koexistieren in der Herde, arrangieren sich und gehen sich des Öfteren elegant aus dem Weg. Aber sie vernichten sich nicht. Das Überleben der gesamten Spezies ist in jedem Fall wichtiger als der persönliche Kleinkrieg. Das wiederum können wir uns von ihnen abschauen, meine Damen!

Nachtragend, rachsüchtig und zickig bis zur totalen Zerstörung der Rivalin kämpfend, hat – wenn überhaupt – nur kurzfristige Siegerinnen hervorgebracht. Souveränität sieht anders aus, das kann man wirklich von den Stuten lernen und Souveränität fängt immer bei einem selbst an.

Doris Semmelmann, 2018