Leithammel und schwarze Schafe

Was Menschen von Tieren und der Natur lernen können

Wenn unsere Schafe ihre Weide abgegrast haben, ist das gemeinsame Ziel sehr klar: das grünere Gras auf der anderen Seite des Zauns. Entdeckt eines der Schafe dann ein Loch im Zaun oder ein offenes Tor, ist über kurz oder lang die gesamte Herde auf der anderen Seite. Irgendwie haben sie kommuniziert, sich eingeordnet, Kompromisse gefunden und grasen gemeinsam auf der neuen Weide. Das ganze läuft ziemlich unspektakulär ab. Es passiert nicht, dass die ganze Herde aufgehalten wird, weil zwei Schafe sich streiten, wer als erstes durch das Loch schlüpft, genauso wenig macht sich eines auf den Weg um nach alternativen Durchschlupfen zu suchen und der Leithammel stupst auch nicht jedes einzelne Schaf an, um es zum Mitgehen aufzufordern. Sie agieren schlichtweg als Herde und damit als perfektes Team – wenn man so will.

Teamfähigkeit liest man heutzutage in fast jeder Stellenbeschreibung. Ohne sie geht gar nichts mehr, sie wird nahezu als selbstverständlich vorausgesetzt. Doch versucht man, diese Eigenschaft zu beschreiben oder zu erklären, dann wird es diffus. Was genau heißt das eigentlich, wie zeigt es sich, woran erkennt man es?

Teamfähigkeit hat so viele Facetten, dass sich eine eindeutige Definition schwer finden lässt. Von Austausch und Kommunikation ist die Rede, von Kompromissbereitschaft, Einordnung und gemeinsamen Zielen. Und doch hat jeder eine klare Vorstellung davon, wie sich Teamfähigkeit äußert oder noch viel mehr, wo sie zu wünschen übrig lässt. Messbar ist sie schon gar nicht, weil sie von so vielen, stets anderen Rahmenbedingungen abhängt und zudem natürlich auch von der Zusammensetzung des Teams.

Können wir Menschen uns tatsächlich etwas von den Schafen abschauen?

Beobachtet man die Schafe, scheint es so einfach zu sein, denn sie machen es seit Jahrtausenden genau so. Im Herdenverband gibt es eine klare Rangordnung und eine soziale Struktur, es gibt Regeln und die Herdenmitglieder interagieren miteinander. Je genauer man hinschaut, um so mehr Parallelen erkennt man zu unseren zwischenmenschlichen Sozialstrukturen.

„Ich war auch immer das schwarze Schaf der Familie.“ sagt manchen Besucher schnell obwohl in unserer Herde alle Lämmer schwarz geboren werden. Doch genauso beginnt Lernen: man hört oder sieht etwas, stellt Verbindungen zu etwas her, was man bereits kennt oder weiß um daraus Folgerungen für Zukünftiges abzuleiten. Beobachter unserer Schafherde erkennen ständig Gemeinsamkeiten zum Businessalltag, Familienverband, Freundeskreis, Sportverein und vieles mehr.

Neben der Beobachtung geht es auch um Interaktion. Wenn man sich darauf einlässt, in die Welt der Tiere einzutauchen, eröffnen sich neue Perspektiven. Mit der Herde in Bewegung erkennt eine Teilnehmerin, dass sie sich in der Rolle des Leittieres am wohlsten fühlt. „Ich habe erst jetzt herausgefunden, dass ich eigentlich ein Alphatier bin. Vielleicht hätte ich manchmal anders gehandelt, hätte ich das früher gewusst“ sagt sie. Oder der Familienvater, der erstaunt feststellt, dass letztendlich nur Konsequenz hilft, wenn man die ganze Herde in Bewegung setzen will. Weder Futterbelohnung noch Strafe bringen nachhaltigen Erfolg und dazu kommt, dass er sich selbst absolut klar über seine Richtung sein muss, sonst zerstreuen sich die Schafe schnell. Später erzählt er, dass seine Kinder vermehrt seine Nähe suchen, seit er klarer und konsequenter handelt, anstatt zu versuchen, sie mit Belohnung oder Strafe zu manipulieren.

Platte Analogien reichen aber nicht aus um von Tieren und der Natur zu lernen. Vielmehr geht es darum, den Blick auf etwas zu verändern, die Perspektive zu wechseln und Routinen zu überdenken. Oftmals setzt man seine einmal funktionierenden Muster immer wieder ein ohne sie zu hinterfragen, auch wenn man damit keinen Erfolg mehr hat. Albert Einstein nennt es die blanke Form von Wahnsinn, immer das Gleiche zu tun und dabei zu hoffen, dass sich etwas ändert. Doch wie kommt man aus dem Teufelskreis heraus?

Lernen auf einer anderen Ebene

Im Alltag hat man selten die Gelegenheit, etwas ganz anderes auszuprobieren um zu sehen, ob man damit besser, schneller oder leichter ans Ziel kommt. Es ist spannend zu verfolgen, wie unterschiedliche Gruppen an die Aufgabe herangehen, unsere Schafherde von einer Weide auf die andere zu bringen. Sprechen sie sich ab, verteilen sie Aufgaben oder versucht jeder irgendetwas anderes? Die Schafe sind der objektive Maßstab für den Erfolg des Projektes. Sie verfügen über eine feine Wahrnehmung und reagieren wie ein Spiegel auf die Aktionen und Persönlichkeit des Gegenübers. Außerdem lassen sie sich nicht von Äußerlichkeiten beeindrucken und sind vorurteilsfrei. Wenn sie den Teilnehmern in unseren Trainings folgen, dann aus freier Entscheidung und das setzt voraus, dass sie Vertrauen gefasst haben. Wenn sie sich hingegen von den Teilnehmern antreiben lassen, respektieren sie den Druck, der auf sie ausgeübt wird. Diese Polarität ist gerade für Führungskräfte oftmals eine fundamentale Erkenntnis, denn in den natürlichen Herdenverbänden gibt es im Allgemeinen zwei Führungspositionen: einerseits das dominante Leitschaf, das mit Stärke und Überlegenheit auftritt und andererseits das souveräne Alphatier, das geschickt ist und das Vertrauen der Herde genießt. Von Führungskräften unserer Zeit wird erwartet, dass sie beide Rollen in Personalunion ausfüllen. Das erkannte eine Managerin, die von ihren Mitarbeitern als Visionärin und Strategin geschätzt wird, jedoch im Tagesgeschäft immer Schwierigkeiten hat. Mit der Schafherde geht sie souverän voraus und führt sie an, soll sie diese jedoch von hinten antreiben, schwankt sie zwischen schwammiger Nachgiebigkeit und übertriebener Härte.

Die Führungskompetenzen eines Schäfers als Modell

Ein Team zu Führen bedeutet per Definition, mit sozialer Anteilnahme Andere dazu zu veranlassen gemeinsame Aufgaben zu erfüllen oder gemeinsame Ziele zu Erreichen. Das hat weniger mit Macht zu tun und viel mehr mit Kompetenz. Mitarbeiter erwarten Vertrauen, Kommunikation und Sicherheit, Manager hingegen rechnen mit Ressourcen und Kennzahlen. Doch um als Unternehmen erfolgreich zu sein, muss dies auch ein Ort sein, an dem Mitarbeiter wachsen und sich entwickeln können, denn nur dann können sie gute, exzellente und überragende Leistungen erbringen. Das Bild des Schafhirten, der sich um das Wohlbefinden seiner Herde sorgt ist eine wunderbare Parabel der Führung von Menschen und die einfachen Prinzipien eines Schäfers sind die Analogie eines vollkommenen Modells der Mitarbeiterführung. Weit entfernt von kurzlebigen Managementtechniken steht der Mensch im Mittelpunkt des Führungsgeschehens und nicht Zahlen und Maschinen. Verborgene Potentiale zu entfalten und die Identifikation mit der Gruppe zu fördern sind hierbei genauso Thema wie Konfliktlösungen, Mobbing und das Arbeitsklima. Die Parallelen von Mitarbeiterteam und Schafherde sind so einprägsam, dass sie die Führungskraft lange durch den Businessalltag begleiten.

Doch das Wichtigste am Training mit Tieren ist: sie passen ihr Verhalten der kleinsten Veränderung an. Damit haben die Seminarteilnehmer die Möglichkeit etwas Auszuprobieren, Erlerntes sofort umzusetzen und Alternativen anzuwenden. Körpersprache und nonverbale Kommunikation bestimmt zu 80 % unsere Dialoge und wird von Menschen und Schafen gleich gut verstanden. Die Herde reagiert anders und man sieht sofort Erfolg oder Misserfolg. Dieser kinästhetische Lernansatz ermöglicht es, Erfahrungen auf einer völlig anderen Eben zu machen, als Mitglied einer Schafherde. Durch Reflexion, Diskussion und Coachingelemente werden diese Erfahrungen übertragen in den eignen Businessalltag oder auf die persönliche Situation des Teilnehmers und ermöglichen somit eine Weiterentwicklung von Kompetenzen und Persönlichkeit. Darüber hinaus sind es die ganz persönlichen emotionalen Erlebnisse jedes Einzelnen mit den Schafpersönlichkeiten in der Herde, die diese Erfahrungen und die daraus entstehenden Entwicklungen so nachhaltig machen. Insbesondere wenn einem die kleine Schafherde ohne Führstrick oder Peitsche durch den Hindernisparcours folgt, dann wird es plötzlich ganz klar, dass das auch mit Mitarbeitern und Kollegen klappen kann.