Mein Kollege Kantor

und die Arbeit auf Gut Aiderbichl

 Bei der Arbeit im Tierschutz stehen die Bedürfnisse der Menschen erst an zweiter Stelle. Schließlich geht es um die Tiere, man ist ergriffen und erschüttert von all den Schicksalen mit denen man in Berührung kommt, da macht man sich wirklich keine Gedanken um die Ausstattung eines Büros.

So ist es auch auf Gut Aiderbichl. Und als einmal wieder umorganisiert wurde, war plötzlich irgendwie kein Schreibtisch für mich mehr da. „Dann musst du halt beim Kantor sitzen“ sagte Michael Aufhauser zu mir. Einige meiner Kollegen zuckten merklich. Kantor war bekannt als großer, bissiger, gefährlicher Schäferhund. Er vertrug sich nicht mit den anderen Hunden und bewohnte deshalb alleine einen Raum im Erdgeschoß des Bürohauses.

Ich erinnere mich gut an den Tag, an dem Kantor nach Gut Aiderbichl kam. Eine Dame brachte ihn aus Ungarn. Dort hatte er als Hofhund gelebt und ein Haus bewacht. Als sein Besitzer plötzlich gestorben war, blieb Kantor alleine bei dem verlassenen Haus zurück. Jemand brachte regelmäßig Futter und Wasser für ihn – aber sonst war er auf sich allein gestellt. Eine Urlauberin machte seine Bekanntschaft durch den Zaun und freundete sich mit ihm an. Auf ihrer Rückreise ging ihr der verlassene Schäferhund nicht mehr aus dem Kopf. Bei einem Zwischenstopp auf Gut Aiderbichl erzählte sie von Kantor und Michael Aufhauser sagte: „Wenn Sie zurückfahren und den Hund holen, dann nehme ich ihn hier auf.“ So war es dann auch, Kantor kam und knurrte zu allererst mal zwei andere Hunde an. Er hat sich nicht sehr beliebt gemacht, das stimmt – aber er war wahrscheinlich auch Zeit seines Lebens Einzelhund mit Bewachungsauftrag.

Uns war auch klar, dass er das wieder sein möchte und so haben wir versucht Kantor an einen guten Platz zu vermitteln. Zuerst sah es so aus, als wäre das gelungen. Nach ein paar Monaten erreichte uns die Nachricht, dass ein Tierarzt empfohlen hatte, ihn wegen eines Hüftleidens einzuschläfern. Ausgeschlossen! Und so kam Kantor wieder nach Aiderbichl zurück. Er trug jetzt ein Stachelhalsband. Und er hatte ein deutsch-ungarisches Wörterbuch im Gepäck, denn „wenn er hört, dann höchstens auf einen Befehl in ungarischer Sprache“ erklärte uns sein Pflegeherrchen. Treppensteigen fiel ihm schwer, aber ansonsten war er gesund und so zog Kantor ins Büro im Erdgeschoß. Da wohnte er dann eine Zeit lang mit Einzelbetreuung und separaten Gassigängen. Und dann kam ich …

Ich habe keine Angst vor Hunden aber dann wurde mir doch ein bisschen sonderbar, als am ersten Tag im neuen Büro der Hundepfleger zu mir sagte: „bleiben’s besser hinter mir wenn ma hineingehen …“ Kantor hat sich nicht sonderlich für mich interessiert, mehr schon für das Bestechungs- Leckerli, das ich dabei hatte. Er ging Gassi und ich an die Arbeit und als er zurückkam in sein Büro war eigentlich alles ok – bis dann das Telefon klingelte. Dieses aufdringliche Klingeln hatte Kantor noch nie gehört. Und es gefiel ihm nicht. Er hat gebellt, sehr laut, mit tiefer Schäferhundestimme und sehr lange. Na prima hab ich mir gedacht, das kann ja heiter werden. Also Konditionieren und Desensibilisieren, das hieß somit: Telefonklingen - „Aus!“ – Leckerli – „Gut!“. Und wer mit Gut Aiderbichl telefoniert, den stört es auch nicht wirklich, wenn ein Hund in das Telefonat bellt.

Es wurde also Routine. Morgens wenn ich ins Büro kam ein Schäferhundfreudentanz und Leckerli zum Frühstück. Ich hab gearbeitet und Kantor hat geschlafen, dazwischen Streicheleinheiten. Füttern und Gassi gehen mit Herrn Eder und dann wieder Schlafen. Manchmal hat er geschnarcht und manchmal die Ohren gespitzt und aufgepasst was ich tue. Aber das allerwichtigste war, die Türe immer zuzumachen. In den anderen Büros waren auch oft Hunde und denen sollte der gefährliche Kantor keinesfalls begegnen. Nur abends, wenn wir zwei noch die einzigen im Büro waren, dann durfte er mit raus, ging mit zum Kopierer und hat sich ein bisschen umgesehen.

Es wurde selbstverständlich. Kantor wurde ausgeglichener, meine Gesellschaft tat ihm gut. Für mich war er ein sehr loyaler Kollege, hatte nie schlechte Laune, fiel mir nicht ins Wort und weil er das Büro mit mir teilt hatte ich auch selten Besuch von solchen Kollegen, die einem mit kleinen Schwätzchen oder banalen Fragen gern mal die Zeit stehlen. Wir waren ein gutes Team und abends wenn wir alleine waren, blieb die Bürotüre schon mal offen.

Einmal haben wir eine wichtige Veranstaltung vorbereitet. Es war schon sehr spät und eigentlich war alles fertig, musste nur noch ausgedruckt werden. Datei drucken, rauf rennen, aus dem Drucker holen, weiter, die Nächste, wieder rauf rennen… Kantor war das zuviel, er blieb lieber auf seiner Decke. Dann kam jemand vor draußen, um die Sachen zu holen und einzupacken. Pressiert hat es und die Haustüre blieb offen.

„Jetzt schau ich mal nach“, hat Kantor sich wohl gedacht und weil nicht nur die Haustüre sondern auch das Gartentor offen war hat er da auch nachgeschaut. Drüben im Garten waren die anderen kleinen Hunde gerade beim abendlichen Spaziergang. Gemütlich im Gras rumschnuppern und plötzlich kommt Kantor in langgezogenen Sprüngen pfeilschnell durch das Tor. Den Menschen blieb allen das Herz stehen. Die vorwitzigste Hündin aber dachte sich „yipiee!“ und gesellte sich in langen Sprüngen zu Kantor dazu. Es ging rund, durchs Gras und durchs Gebüsch, immer weiter und weiter, so lange bis alle ausser Atem waren. Aber sie waren jetzt Freunde, Kantor und das Rudel der kleinen Hunde.

Es wurde einsam in unserem Büro. Kantor war viel unterwegs mit seinen neuen Freunden. Er hat sie beschützt und mit ihnen gespielt und es gab kein einziges Knurren. Endlich, durch den Zufall, durfte er ein Hund unter Hunden sein und es war so schön mit anzuschauen. Bald darauf wohnte er im Haus mit den anderen Hunden und bei der nächsten Umorganisation stand mein Schreibtisch dann auch wieder in einem anderen Büro. Viele Monate später hat das Hüftleiden Kantor dann tatsächlich eingeholt. Aber durch den Zufall mit den drei offenen Türen hat er das Paradies schon auf Erden erlebt.

Veröffentlicht im Buch "Wiedersehen im Paradies" von Fred Rai im Nessos Verlag 2011
ISBN-13: 978-3934343214